Dein Browser hat JavaScript deaktiviert. Wenn du alle Funktionen dieser Website nutzen möchtest, musst du JavaScript aktivieren.
“Du bist manchmal irgendwie unheimlich.” sagte einst jemand zu ihm, in den er insgeheim verliebt war. Bis heute weiß Perseus nicht, was genau er damit gemeint haben könnte. Eine klare Vision von der Zukunft und der Macht, die man sich aufbauen, sowie die Leichen, über die man dafür bereitwillig steigen würde - ganz ruhig und klar vorgetragen wie ein Kochrezept - schien den Horizont eines normalen 14-jährigen zu übersteigen. Nicht jedoch den von Perseus und daher hat er sich von der Vorstellung verabschiedet, dass “normale” Menschen ihn jemals verstehen, geschweige denn das Wasser reichen könnten.
Das macht einen Charakter auf Dauer nicht gerade einfacher, aber immerhin hatte er zu jeder Zeit Gleichgesinnte, die ähnlich tickten wie er. Es störe ihn nicht, behauptet er großspurig und doch trifft es jedes Mal einen seltsam wunden Punkt, wenn ihm Bewunderung verwehrt bleibt oder wenn er merkt, dass jemand ihn nicht mag. Dabei sollte ihn ja viel mehr das große Ganze interessieren. Sein Platz in dieser Welt - in den vordersten Reihen, herausgetreten aus den Schatten viel größerer Soleils. Es gibt nur das Streben, dieses ewige Streben und die Selbstaufgabe für die Familie, vor der man sich ja doch irgendwie immer wieder aufs Neue beweisen muss.
Eigentlich sollten die von der Großmutter mitgegebenen Weisheiten, einen später im Leben wiederfinden. Sie sollten einen überraschend treffen und nachdenklich-melancholisch lächelnd an all diese Momente zurückdenken lassen. Die, die flüchtig scheinen, weil sie zwischen zwei Herzschläge passen. Die aber doch alles verändert haben. Odine trägt einen dieser Momente mit sich. Jetzt schon. Zu früh. Sie schaut nicht lächelnd darauf zurück, ihr Blick wird vernebelt von Träumen, die die Grenze zwischen Wachen und Schlafen verschwimmen lassen. Ein riskanter Einsatz, ein Manöver zu viel, einen Augenblick zu lang gezögert und ein fataler Moment der Unachtsamkeit - der Verrat an ihrem Bruder. Seltsam, wie das Leben anschließend in ein Davor und in ein Danach eingeteilt werden kann. Dazwischen wird ein Schleier hochgezogen und anschließend kann man fast dabei zusehen, wie das Davor einen langsamen und seltsam unfeierlichen Tod stirbt. Es verblasst immer weiter, bis es sich irgendwann vielleicht (hoffentlich?) nicht mehr nach den eigenen Erinnerungen anfühlt.
Für Odine war das Leben die meiste Zeit eine ziemlich klare Sache. Sie war schon immer ein Mensch, bei dem man weiß, woran man ist. Das für alles und jeden offene Herz trug sie auf der Zunge und für ambivalente Charakterzüge gab es schlichtweg keinen Anlass. Im ländlichen Tyrrendor, in den wohlhabenden, aber einfachen Verhältnissen, in denen sie aufwuchs, entwickelt sich kein Charakter, der auf jede Art der Intrige vorbereitet sein muss. Man muss sich aufeinander verlassen können, gerade wenn man nur einen schweren Sturm davon entfernt ist, eine Ernte zu verlieren und der Lauf des Jahres damit besiegelt wäre. Man ist grundehrlich, man vertraut auf das Gute in dieser Welt - eine Eigenschaft, die gerne als einfältig abgetan wird, aber tatsächlich zutiefst weise ist.
Später in ihrer Ausbildung zur Reiterin hat sie gemerkt, dass sie in dieser Hinsicht vermutlich etwas “einfacher” gestrickt ist, als andere. Das falsche Spiel, die Klinge hinter dem Rücken stets bereitzuhalten, selbst das nicht durch und durch heroische Wesen des Militärs musste sie wohl oder übel lernen, wenn auch zähneknirschend und nicht ohne einen gewissen Spott im Hinterkopf.Sie wollte immer ein Mensch sein, mit dem es sich leicht anfühlte, Zeit zu verbringen. Die Zahl der Freunde, die sie um sich scharte, schien ihr darin Recht zu geben. Dabei war ihr wichtig, dass sie der gleichen Sorte angehörten: solche, mit denen es sich leicht anfühlt. Menschen, die eine Wärme ausstrahlen, in der man sich sonnen kann.
Umso verwunderlicher die Siegelkraft, die sich in ihr manifestierte - nicht nur für sie. Wahnsinn in die Köpfe der Menschen zu pflanzen, wollte doch so gar nicht zu Odine passen. Aber vielleicht war das ein bisschen der Punkt in dem großen Plan, den das Leben bereit hielt. Seit dem Unfall begleiten sie Ambivalenzen und Widersprüche wie lästige Schatten. Seitdem sie mit ansah, wie sich Caleb lachend ein Messer ins Auge rammte und stürzte. In den Wahnsinn, in den Tod…? Ihr Herz schlägt jeden Tag weiter, obwohl dieser eine Moment es doch rausgerissen haben sollte. Von den vielen Freunden ist kaum jemand übrig - wie so oft, wenn es unangenehm wird. Diejenige, die allen Grund dazu gehabt hätte, enttäuscht zu sein, war Rían, der kupferfarbene Schwertschwanz, der nichts wichtiger ist, als dass sie hoch erhobenen Hauptes aus jedem Gefecht hervorgehen kann. An jenem Tag, dem 5. August, kam niemand hoch erhobenen Hauptes zurück und Rían verlor kein Wort mehr darüber, obwohl Odine sich in den dunkelsten Stunden wünschte, dass sie sie doch besser einfach auf der Stelle verbrannt hätte.
Da ist eine große Leere und mittendrin doch ein Neuanfang: mit der Versetzung ans Basgiath War College ist sie nicht nur damit gestraft, wieder in den Fluren zu wandeln, in denen sie eins mit Caleb umherlief, als sie zwei Jahrgänge voneinander entfernt waren und sich doch gemeinsam durch die harte Ausbildung prügelten. Da ist auch noch der große Held ihrer Kindheit, ihr leiblicher Vater Maverick und die Möglichkeit, ihn endlich besser kennenzulernen. Sie unterrichtet Flugkunde, obwohl sie doch genau dort, hoch oben in den Lüften, im entscheidenden Moment versagt hat. Odine hat schon immer viel gefühlt. Und es hat sie selten gestört, das Leben wurde dadurch nur so viel reicher. Und jetzt? Jetzt kommt es ihr manchmal vor, als wollte ihr Brustkorb einfach bersten. Aber es hilft nichts, denn sie weiß, was diesen Momenten folgt. Denen, die das Leben für immer verändern, obwohl sie gerade mal zwischen zwei Herzschläge passen.
Weiteratmen.