i. Du wirst das
Reiterschwarz tragen. Nicht heute, auch nicht morgen — aber eines Tages. Bereits vor deiner Geburt steht es fest, wie ein in Stein gemeißeltes Gesetz. In eurer Familie besitzt der Status der Drachenreiter einen gewissen Wert. Es ist mehr als Stolz, es ist
Ehre, die dem Namen
Stryker anhaftet. Eine Ehre, die man nicht mit Füßen tritt. Du lernst früh, was das bedeutet und kaum, dass du sprechen kannst, äußerst du erstmals selbstständig, dass du in die Fußstapfen deines Vaters treten möchtest. Wie er willst auch du irgendwann für dein Land heldenhaft in die Schlacht ziehen, in einen Krieg, den du zwar verstehst, aber nicht wirklich begreifst. Bereits in deiner Kindheit beweist du, dass du mit einem
scharfen Verstand gesegnet wurdest. Das bemerkt auch deine Mutter, denn die sieht in dir viel mehr den Diplomat oder Schriftgelehrten. Ein Mann des Wortes, dessen Waffen sein Federkiel und Pergament sind, keine Dolche oder Messer. Doch das steht gar nicht zur Debatte. Wie dein Vater,
Colonel und angesehener Reiter in seinen Reihen, beschreitest du einen Weg, der dir vorgeebnet wurde — und du fügst dich willentlich.
ii. Deine Ausbildung ist unerwartet hart und fordernd. Dir wird schon in jungen Jahren viel abverlangt. Die Erwartungen liegen hoch, der Druck, der auf dir lastet, wird mit jedem Jahr noch deutlicher. Es ist dein Vater, der deine Ausbildung in die Hand nimmt, denn ihm ist daran gelegen, dass du nicht nur die Überquerung des Viadukt überstehst, sondern auch die folgenden drei Jahre, die dich danach erwarten werden. Unbarmherzige Jahre, die noch sehr viel mehr Blut, Schweiß und Tränen fordern, als es das Training in deiner Heimat — Deepcrest — jemals könnte. Also beißt du bei jeder neuen Lektion tapfer die Zähne zusammen und vertraust darauf, dass dich jeder Schlag, jeder Tritt und jeder Schnitt dem Überleben einen Schritt näher bringt.
iii. Du bist fünfzehn, als die tyrrische Rebellion zerschlagen wird und du die Menschen erleichtert aufatmen hörst. Navarre ist wieder sicher. Der Frieden gewahrt. Sofern man in einem andauernden Krieg überhaupt von Frieden sprechen kann. Du erfährst aus erster Hand, nämlich aus dem Mund deines Vaters, von den Hinrichtungen der Anführer — allesamt zu Asche verbrannt, unwiederbringlich. In einem anschließenden Friedensabkommen wird für die Sicherheit und das Überleben ihrer Kinder entschieden. Sie alle bekommen ein Brandmal verpasst, dass sie zu Separatisten macht, auf ewig gezeichnet, auf ewig dazu verdammt, mit dieser Schande zu leben. Wie den Krieg, verstehst du diese Konsequenz zwar als Großes und Ganzes, kannst die Beweggründe nachvollziehen, aber gleichzeitig wirft die Rebellion und ihre Folgen nur Fragen auf.
iv. Mit deinem zwanzigsten Geburtstag neigt sich deine Ausbildung dem Ende entgegen. Dein Leben lang hast du auf diesen Tag hingearbeitet, hast trainiert, deine Fähigkeiten geschult und bist bereit, das Erlernte in die Tat umzusetzen. Nicht sterben, bedeutet der erste Schritt. Als Abschiedsgeschenk erhältst du von deinen Eltern zwei Dolche überreicht, die fortan in den Brustscheiden der dunklen Lederweste auf ihren Einsatz warten werden. Als du dich mitsamt den anderen Anwärtern für die Überquerung des Viadukt aufstellst, lässt du dir von der Nervosität nicht viel anmerken. Sobald dein Fuß die andere Seite erreicht, wirst du Teil des Reiterquadranten sein. Bisher bist du vor keiner Herausforderung zurückgeschreckt — du hast es auch nicht vor. Weder heute, noch morgen, noch an einem anderen Tag. Also straffst du die Schultern, atmest ein letztes Mal tief durch und setzt den ersten Schritt, der den Beginn einer kräftezehrenden, zermürbenden und vor allem tödlichen Wehrpflicht bedeutet.