Einatmen, langsam ausatmen, Luft anhalten. Die Momente, die zwischen zwei Herzschläge passen, können eine Ewigkeit dauern. Eigentlich sollten die von der Großmutter mitgegebenen Weisheiten, einen später im Leben wiederfinden. Sie sollten einen überraschend treffen und nachdenklich-melancholisch lächelnd an all diese Momente zurückdenken lassen. Die, die flüchtig scheinen, weil sie zwischen zwei Herzschläge passen. Die aber doch alles verändert haben. Odine trägt einen dieser Momente mit sich. Jetzt schon. Zu früh. Sie schaut nicht lächelnd darauf zurück, ihr Blick wird vernebelt von Träumen, die die Grenze zwischen Wachen und Schlafen verschwimmen lassen. Ein riskanter Einsatz, ein Manöver zu viel, einen Augenblick zu lang gezögert und ein fataler Moment der Unachtsamkeit - der Verrat an ihrem Bruder.
Seltsam, wie das Leben anschließend in ein Davor und in ein Danach eingeteilt werden kann. Dazwischen wird ein Schleier hochgezogen und anschließend kann man fast dabei zusehen, wie das Davor einen langsamen und seltsam unfeierlichen Tod stirbt. Es verblasst immer weiter, bis es sich irgendwann vielleicht (hoffentlich?) nicht mehr nach den eigenen Erinnerungen anfühlt.
Für Odine war das Leben die meiste Zeit eine ziemlich klare Sache. Sie war schon immer ein Mensch, bei dem man weiß, woran man ist. Das für alles und jeden offene Herz trug sie auf der Zunge und für ambivalente Charakterzüge gab es schlichtweg keinen Anlass. Im ländlichen Tyrrendor, in den wohlhabenden, aber einfachen Verhältnissen, in denen sie aufwuchs, entwickelt sich kein Charakter, der auf jede Art der Intrige vorbereitet sein muss. Man muss sich aufeinander verlassen können, gerade wenn man nur einen schweren Sturm davon entfernt ist, eine Ernte zu verlieren und der Lauf des Jahres damit besiegelt wäre. Man ist grundehrlich, man vertraut auf das Gute in dieser Welt - eine Eigenschaft, die gerne als einfältig abgetan wird, aber tatsächlich zutiefst weise ist.
Später in ihrer Ausbildung zur Reiterin hat sie gemerkt, dass sie in dieser Hinsicht vermutlich etwas “einfacher” gestrickt ist, als andere. Das falsche Spiel, die Klinge hinter dem Rücken stets bereitzuhalten, selbst das nicht durch und durch heroische Wesen des Militärs musste sie wohl oder übel lernen, wenn auch zähneknirschend und nicht ohne einen gewissen Spott im Hinterkopf.
Sie wollte immer ein Mensch sein, mit dem es sich leicht anfühlte, Zeit zu verbringen. Die Zahl der Freunde, die sie um sich scharte, schien ihr darin Recht zu geben. Dabei war ihr wichtig, dass sie der gleichen Sorte angehörten: solche, mit denen es sich leicht anfühlt. Menschen, die eine Wärme ausstrahlen, in der man sich sonnen kann.
Umso verwunderlicher die Siegelkraft, die sich in ihr manifestierte - nicht nur für sie. Wahnsinn in die Köpfe der Menschen zu pflanzen, wollte doch so gar nicht zu Odine passen. Aber vielleicht war das ein bisschen der Punkt in dem großen Plan, den das Leben bereit hielt. Seit dem Unfall begleiten sie Ambivalenzen und Widersprüche wie lästige Schatten. Seitdem sie mit ansah, wie sich Caleb lachend ein Messer ins Auge rammte und stürzte. In den Wahnsinn, in den Tod…?
Ihr Herz schlägt jeden Tag weiter, obwohl dieser eine Moment es doch rausgerissen haben sollte. Von den vielen Freunden ist kaum jemand übrig - wie so oft, wenn es unangenehm wird. Diejenige, die allen Grund dazu gehabt hätte, enttäuscht zu sein, war Rían, der kupferfarbene Schwertschwanz, der nichts wichtiger ist, als dass sie hoch erhobenen Hauptes aus jedem Gefecht hervorgehen kann. An jenem Tag, dem 5. August, kam niemand hoch erhobenen Hauptes zurück und Rían verlor kein Wort mehr darüber, obwohl Odine sich in den dunkelsten Stunden wünschte, dass sie sie doch besser einfach auf der Stelle verbrannt hätte.
Da ist eine große Leere und mittendrin doch ein Neuanfang: mit der Versetzung ans Basgiath War College ist sie nicht nur damit gestraft, wieder in den Fluren zu wandeln, in denen sie eins mit Caleb umherlief, als sie zwei Jahrgänge voneinander entfernt waren und sich doch gemeinsam durch die harte Ausbildung prügelten. Da ist auch noch der große Held ihrer Kindheit, ihr leiblicher Vater Maverick und die Möglichkeit, ihn endlich besser kennenzulernen. Sie unterrichtet Flugkunde, obwohl sie doch genau dort, hoch oben in den Lüften, im entscheidenden Moment versagt hat.
Odine hat schon immer viel gefühlt. Und es hat sie selten gestört, das Leben wurde dadurch nur so viel reicher. Und jetzt? Jetzt kommt es ihr manchmal vor, als wollte ihr Brustkorb einfach bersten. Aber es hilft nichts, denn sie weiß, was diesen Momenten folgt. Denen, die das Leben für immer verändern, obwohl sie gerade mal zwischen zwei Herzschläge passen.
Weiteratmen.