
Statistiken14.09.2024 Registriert am 13.07.2026 Zuletzt online 12.07.2026 Letzter Beitrag 7 Inplayzitate 375 Inplay-Posts 68 Szenen insgesamt 1256410 Geschriebene Zeichen 3350 Zeichendurchschnitt Auszeichnungen (12)Charaktere von JeaReiter
22 Jahre alt
Viel ist nicht mehr übrig von dem kleinen Jungen, der voller Neugierde durch verschiedene Tempel geschlichen ist, anfangs nur als Mitbringsel deiner Eltern, die nicht nur zum Beten dort waren, sondern auch regelmäßig damit beschäftigt gewesen sind, im Namen der Götter etwas Gutes zu tun. Soweit du zurück denken kannst, haben die Götter in deinem Leben, in deiner Familie, immer eine besondere Rolle gespielt und aus Erzählungen weißt du, dass diese Rolle in den Generationen vor deiner sogar noch größer war. Es scheint so, als hätte deine Familie sich der Religion verschrieben, schon immer und für immer, nur dass dieser Schwur über die Jahre dermaßen ausgeblichen ist, dass es nicht deine komplette Kindheit und Jugend war, die du damit zubringen musstest, zu Dunne zu beten, um dann, wenn es soweit sein sollte, selbst zu einem mächtigen Krieger zu werden. Denn dass es soweit kommen würde, stand schon in deiner Kindheit genauso fest, wie dass deine Wochenenden damit gespickt wurden, jenen zu helfen, die es nicht so gut getroffen haben wie dich. Freiwillige Arbeit in Thornaks Tempel beispielsweise, um Kleidung oder Essen an jene zu verteilen, denen die Gesellschaft nicht so wohl gesonnen war, wie deiner Familie. Deinen Eltern war es immer wichtig, dass ihre Kinder die Dinge, die sie hatten, nicht für selbstverständlich hielten, dass sie all das zu schätzen wussten und auch lernten, dass nicht alles ihnen einfach so zufliegen wurde. Oft genug war deiner Mutter das dankbare Lächeln jener, denen hier geholfen habt, mehr wert, als irgendein materieller Dank es hätte sein können – und oft genug merkst du auch heute noch, dass ein solcher Blick dir ein genauso gutes Gefühl verschaffen kann, wie irgendeine Gegenleistung für deine Hilfe. Nur dass du mittlerweile gelernt hast, dass diese Selbstlosigkeit allein dich nicht immer weiterbringen kann. Es nicht tun wird.
Aus der unbeschwerten Leichtigkeit, mit der du die Tempel erkundet hast, wurde ein ernster, aufmerksamer Blick, mit dem du deine älteren Brüder bei deren Training beobachtet hast, wurde ein verbissenes Aufeinanderpressen deiner Kiefer, weil du sie selbst in genau diesem Training endlich genauso besiegen wolltest, wie sie es immer wieder mit dir taten. Die Kämpfe waren nicht fair, das war dir klar, doch die Beschwerde darüber durfte dir nicht über die Lippen kommen. Nicht, weil du für sie nicht zu einem weinenden Baby degradiert werden wolltest, aber vor allem auch nicht, weil dein Vater dir dann nie diesen stolzen Blick geschenkt hätte, den deine Geschwister immer wieder von ihm bekamen. Bist genau deswegen anfangs im Training auch viel lieber gegen deine Brüder als gegen deine jüngere Schwester angetreten, weil du bei ihnen alles geben konntest, während du ihr niemals weh tun wolltest. Aurora war schon immer so etwas wie deine Schwachstelle, dein Kryptonit – dass du dich im Training mit ihr vor allem in der Anfangszeit immer wieder zurückgehalten hast, hat dich nicht gerade im Ansehen deines Vaters steigen lassen. Der Beitritt in den Reiterquadranten stand schon früh genauso fest, wie dass jeden Tag aufs Neue die Sonne wieder aufgehen würde. Das frühe Training hat dir wahrscheinlich bereits am Einberufungstag das Leben gerettet und dir in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren danach nicht nur den Respekt deiner Mitkadett:innen eingebracht, sondern auch schnell dafür gesorgt, dass die Führungsriege dich so auf dem Schirm hatte, wie du es dir von deinem Vater immer gewünscht hast. Als Rookie hast du dich in den Herausforderungen blenden geschlagen, als Junior wurdest du zum Staffelführer, um jetzt, in deinem dritten Jahr nicht nur zum Schwarm- sondern gleich direkt zum Geschwaderführer aufzusteigen. Du wolltest schon vor Jahren hoch hinaus und schaffst das heute nicht nur auf dem Rücken deines Drachen. Der Posten des Geschwaderführers ist für dich nur eine weitere Etappe, ein weiterer Schritt auf dem Weg in die richtige Richtung – für dich, für dein Leben. Und vielleicht auch für die Anerkennung deines Vaters. Etwas, von dem du mittlerweile längst weißt, dass der Wunsch danach dir in den vergangenen Jahren oft genug das Leben gerettet hat, davon aber nicht abhängig ist. Reiterin
20 Jahre alt
i. Du bist nervös, versuchst es dir jedoch nicht anmerken zu lassen. Bemühst dich, still zu stehen, nicht auf den Füßen zu wippen und auch nicht mit den Fingern zu wackeln. Heute steh er vor dir, lässt seinen wachsamen Blick über deine kleine Gestalt wandern, betrachtet deine Haltung ganz genau und braucht keine zwei Minuten, bis er dir die ersten Anweisungen zur Korrektur gibt. Füße weiter auseinander und niemals die Verteidigung vergessen und du befolgst sie beide augenblicklich. Weißt das eigentlich schon längst, normalerweise denkst du dran und das Zucken seiner Mundwinkel verrät dir, dass er weiß, dass du das weißt. "Vergiss niemals, dass dein Freund morgen schon zu deinem Feind werden könnte, Atlas.", warnt er dich mit ruhiger Stimme und du nickst. Dein Vater weiß schließlich, wovon er spricht, hat selbst Freunde auf der anderen Seite zurückgelassen, wurde für sie zu dem Feind, vor dem er dich nun warnt. Er ist derjenige, der nicht müde wird, dir eines immer wieder einzubläuen: sicher ist sicher Und er ist auch derjenige, auf den es zurückzuführen ist, dass du bereits vor ein paar Jahren deine erste Trainingsstunde hattest. Dass du auch jetzt regelmäßiges Training im Nahkampf erhältst, von deinen Eltern, mit deinem Bruder, von anderen aus eurem Umfeld, denn als Tochter zweier Offiziere soll deine eigene, militärische Laufbahn natürlich abgesichert werden.
ii. Deine Hand umschließt den Stein so fest, wie sie nur kann. Deine Fingernägel graben sich in deine Handinnenflächen, hinterlassen kleine Halbmonde in deiner Haut, doch du spürst den Schmerz kaum. Dein Blick ist starr nach vorn gerichtet, auf ihre Gesichter, damit beschäftigt, sich jedes noch so kleine Detail einzuprägen. Du glaubst nicht, dass du sie jemals vergessen wirst, es überhaupt könntest, doch du weißt: sicher ist sicher. Und das hier ist die letzte Chance, die du bekommst. Der letzte Blick auf die Lachfalten, die seine Augen umspielen, oder auf die Sommersprossen in ihrem Gesicht. Traust dich nicht zu blinzeln, nicht einmal, als das Drachenfeuer schließlich über sie hinwegfegt und die Hitze nicht nur in deinem Gesicht brennt. Du schaffst es nicht – und als du deine Augen wieder öffnest, ist da nur noch Staub. Asche, wo deine Eltern eben noch standen. Und ein Brennen auf deinem linken Arm, dessen Hand noch immer den Stein hält; so fest, als wäre er dein letzter, dein einziger Halt. Dein Blick wandert zu dieser Stelle, du erwartest halb, nun selbst in Flammen zu stehen – doch sind keine Flammen, die du dort siehst, auch kein Rauch. Es sind dunkle Linien, die sich an deinem Arm entlangziehen und, nach den überraschten Geräuschen um dich herum, nicht nur bei dir erschienen sind. Verstehst es nicht sofort, aber das ist okay. Du verstehst an diesem Tag sowieso nicht viel. Verstehst nicht, wie das alles so plötzlich passieren konnte, wie ihr hier landen konntet. Dein Bruder an deiner Seite, deine Eltern – weg. Das einzige, was du wirklich verstehst, ist, dass dieser Tag mehr Veränderungen mit sich bringt, als dir lieb ist. Veränderungen, wobei keine einzige von ihnen wir überhaupt wirklich lieb ist. Oder sein wird. iii. Nackte Füße schleichen über kalten Boden, halten bei jedem noch so kleinen Geräusch einen Moment lang inne. Du traust dich nicht, deine Schuhe bereits im Haus zu tragen, befürchtest, damit zu laute Schritte zu verursachen und jemanden auf dich aufmerksam zu machen – dabei weißt du nicht einmal, ob das wirklich etwas Schlimmes wäre. Hast es nie probiert, nie provoziert, weil du das Risiko nicht eingehen wolltest. Sicher ist sicher, hallt die Stimme deines Vaters in deinem Kopf wider, gefolgt von einem Kloß, der sich in deinem Hals festsetzt. Wie immer, wenn du an ihn denkst. Oder an deine Mutter, deinen Bruder. Du schließt die Augen, atmest einmal tief durch, bevor du die letzten Meter zurücklegst, hinaus aus dem Haus, in dem du nun dein Dasein fristest und hinein in das schwache Licht der aufgehenden Morgensonne. Es ist eine Art Ritual für dich geworden, noch vor Sonnenaufgang zu trainieren. Laufen zu gehen, gegen Heuballen auf nahegelegenen Feldern (oder in deren Scheunen) zu kämpfen, alles zu geben, um deine Zukunft wenigstens noch ein wenig abzusichern. Bist längst nicht so fit, wie du es wahrscheinlich durch das Training mit deiner Familie geworden bist (oder wärst), aber komplett gehen lassen kannst und willst du dich nicht. Das hätte deine Familie genauso wenig gewollt, wie die Menschen, unter deren Dach du nun lebst, dein Training unterstützen wollen. iv. Du wippst auf deinen Füßen vor und zurück, spielst an den Fingern deiner Hände und lässt deinen Blick immer wieder unruhig herumwandern. Über all die Köpfe derer, die hinter dir stehen, neben dir, vor dir. Und immer wieder hin zu der schmalen Steinbrücke, dem Viadukt, von dem gerade erst eine junge Frau gestürzt ist. Heute ist der Tag der Tage. Der Tag, auf den dein bisheriges Leben immer wieder ausgerichtet wurde, von dem dir insbesondere in den letzten Wochen immer bewusster wurde, dass er zu einer großen Wahrscheinlichkeit dein letzter werden könnte. Der letzte Tag deines Lebens oder auch der erste Tag vom Ende deines Lebens, mit jeder Minute dem Tod ein wenig näher. Du spürst einen missbilligenden Blick auf dir und für einen Moment fühlt es sich an, als wäre es der Blick deines Vaters, tadelnd dafür, dass du deine Nervosität so nach außen zeigst, doch das Gesicht, aus dem er kommt, ist wesentlich jünger, wesentlich unbekannter. Du fühlst dich schwach zwischen all den anderen Anwärter:innen, wie ein Niemand, sobald du einen Blick auf deinem Handgelenk spürst – und doch willst du gerade nirgendwo anders sein als hier, wo du, wenn du diesen kleinen Spaziergang schaffst, endlich auch deinen Bruder wiedersehen wirst. Dem letzten bisschen Familie, das du noch hast. Der größte Grund, der dich in den letzten Jahren angetrieben hat und neben der ganzen Ungewissheit wegen dem, was dich erwartet oder ob du es überhaupt über den Viadukt schaffst, vielleicht auch ein Grund für die Unruhe, die dich gerade umtreibt. Reiterin
20 Jahre alt
i. Sie steht vor dir, schenkt dir ein Lächeln und wartet. Darauf, dass du zu ihr kommst, dich in ihre ausgebreiteten Arme wirfst und die Freude über das Wiedersehen mit ihr teilst. Doch du stehst nur da, starrst sie aus deinen großen, blauen Augen an und traust dich nicht, auch nur einen Schritt zu machen. Du weißt ganz genau, wer sie ist. Kennst sie von Fotos und auch aus Erzählen und du weißt, wo sie in den letzten Jahren war. Deine Mutter kehrt nach ihrer Ausbildung zur Heilerin aus dem Basgiath War College zurück, da bist du fünf Jahre alt und kannst dich gar nicht wirklich an sie erinnern. Sie war jung, als sie dich bekommen hat, genau wie dein Vater, und als ihre militärischen Ausbildungen angefangen haben, bist du bei deinen Verwandten geblieben; bei deiner Tante und deinem Onkel, die ebenfalls Kinder hatten. Wusstest immer, dass sie nicht deine richtigen Eltern, deine richtigen Geschwister waren, aber für dich hat es sich in den vergangenen drei Jahren so angefühlt - und der Gedanke, nun zu dieser Frau zu gehen, der du dein Leben überhaupt erst zu verdanken hast, macht dir Angst. Ein Glück, dass ihr sowieso alle in einem Haus wohnt. Dass du sie kennenlernen und trotzdem bei 'deiner' Familie bleiben kannst.
ii. Du drehst dich. Weichst aus. Merkst, wie deine Mundwinkel sich bereits zu einem zufriedenen Lächeln nach oben ziehen, die Vorstufe eines Grinsens - doch dann ist's ein leiser Schrei, der sich seinen Weg aus deinem Mund bahnt. Schmerz. Brennen. Ziehen. Du presst deine Kiefer zusammen und atmest mit einem Zischen ein, weiß genau, was passiert ist. Du warst zu optimistisch, zu sehr von dir selbst überzeugt, von deiner Geschwindigkeit und deinem Können und musst genau dafür nun nicht zum ersten Mal büßen. Du bist dreizehn Jahre alt und der Schmerz ist kein Unbekannter mehr für dich; trainierst nicht erst seit gestern oder seit einem Monat. Du bist jung und trotzdem weißt du bereits genau, was du möchtest, wofür du das hier machst: für eine Zukunft als Drachenreiterin. Obwohl du weißt, dass auch dein Vater diesen Weg gehen wollte. Obwohl du weißt, dass der Quadrant des Reitens ihn das Leben gekostet hat. Du hast ihn nie wirklich kennengelernt, hast keine Beziehung zu diesem Mann, nichts weiter als einen Namen - und die Rolle des Vorbilds, das eigentlich er hätte sein sollen, wurde von anderen Menschen ausgefüllt. Von jenen, die ihre Ausbildung wirklich geschafft haben. Von Menschen, die dein Leben lang für dich da waren, die dich geprägt und zu der gemacht haben, die nun bist. Und so schwer es dir auch fallen sollte, dies zuzugeben, so einfach kommt dir doch auch dieser Gedanke in den Sinn: deine Mutter ist es nicht. Sie darf deine Verletzungen verarzten und ist auch keine Fremde mehr für dich, doch schaffst du es auch nach all den Jahren nicht, eine engere Bindung zu ihr aufzubauen. iii. Dein Lachen ist laut. Hell. Herzlich. In deinen Augen bilden sich vereinzelte Tränen, die sich ihren Weg über dein Gesicht suchen, ihn finden - aber sie stören dich nicht. Sie gehören zu diesem Moment dazu, sind ein Zeichen für die gute Zeit, die du gerade hast. Für den Spaß, den du dir auch trotz all des Ernstes in deinem Leben nicht nehmen lassen willst. Drei Jahre noch, bis du dich mit vielen anderen vor dem Viadukt einreihen wirst, vor dem ersten Hindernis auf dem Weg in deine Zukunft. Dein Plan hat sich in den letzten Jahren nicht geändert und den Großteil deines Tages verbringst du mit der entsprechenden theoretischen und vor allem auch praktischen Ausbildung, doch gibt's auch Ausnahmen. Eine dieser Ausnahmen ist heute, wo das gesamte Königreich den Geburtstag des Königs feiert. Es sind Momente wie diese, in denen du mehr als nur die angehende Soldatin bist, weil du dir erlaubst, einfach nur das siebzehnjährige Mädchen zu sein, das du nunmal bist. Du guckst dir die Parade an, würdest am liebsten jede einzelne der angebotenen Leckereien probieren, versuchst dich an einem Drachen aus Holz, so unbändig, dass er mit schnellen Bewegungen jeden von seinem Rücken schmeißt und guckst dir eine Vorführung auf dem Marktplatz an, eine Komödie, die dich Tränen lachen lässt. Es sind solche Momente, die dich zumindest kurz darüber nachdenken lassen, wie es wäre, ein normales Leben zu führen. Keine harte Ausbildung, kein Drache, der auf dich wartet oder nicht wartet - doch es dauert nie lang, bis dir wieder klar wird, was du wirklich willst. iv. Die Hälfte hast du geschafft. Die andere Hälfte liegt noch vor dir. Du weißt, dass es dumm wäre, nun stehen zu bleiben und dich umzusehen, aber du tust es trotzdem. Erlaubst dir einen kurzen Moment, nicht etwa, um das Gleichgewicht zu behalten oder einmal Luft zu holen, sondern um diesen Moment in dich aufzunehmen: du bist tatsächlich hier, auf dem Viadukt. Auf dem Weg in den Quadrant des Reitens. Hinter dir liegen Jahre der Vorbereitung, der Anstrengungen. Jahre, in denen du immer wieder versucht hast, deinen Platz zu finden zwischen der Familie, die dich großgezogen hat und im vergangenen Jahr ganz andere Herausforderungen zu bewältigen hatte, und jener Frau, der du überhaupt erst dein Leben zu verdanken hast - sie liegen jetzt hinter dir. Du wirfst einen Blick über deine Schulter, als wäre es tatsächlich die Vergangenheit, die du dort erwartest, doch ist's nur ein weiterer Anwärter, der nun den Viadukt betritt. Direkt nach dir, mit finsterem Blick und schnellen Schritten, als würde er dich verfolgen. Und wahrscheinlich tut er's auch, der Anwärter genauso wie deine Vergangenheit. Du richtest deinen Blick wieder nach vorn, auf das Ziel und auf das Tor in deine Zukunft, bereit diesen kurzen Moment dazwischen zu verlassen. Bereit für das Leben als angehende Drachenreiterin. Reiterin
20 Jahre alt
Wunder haben sie dich genannt.
Das Kind, auf das sie immer gewartet haben, - an das sie jedoch irgendwann schon nicht einmal mehr zu glauben wagten. Du bist vielleicht nicht das älteste Kind deiner Familie, dafür aber das Erstgeborene. Bist nicht die Erbin, du wirst deinem Vater niemals auf seine Position folgen und auch niemals den Namen weitergeben, den du selbst bereits seit deiner Geburt trägst, doch dafür wirst du - geliebt. Etwas, das wohl eigentlich selbstverständlich sein sollte, gerade wenn man über die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern spricht, doch gleichzeitig auch etwas, das in deiner Welt, in deinen Augen, nicht viel von dieser Selbstverständlichkeit mit sich bringt. Liebe ist Definitionssache, ist nie für jeden das Gleiche und was für die einen bereits das höchste von dem sein kann, was man geben kann, muss für die anderen noch lang nicht genug sein. Und manchmal, da geht das, was zwei Menschen als Liebe ansehen, von vornherein in zwei verschiedene Richtungen. Du weißt, dass deine Eltern dich lieben, weil sie es dir sagen. Sie wollen, dass es dir gut geht, weil sie dich lieben. Sie wollen, dass es dir an nichts fehlt, weil sie dich lieben. Und sie wollen immer das Beste für dich, weil sie dich lieben. Soweit du dich zurückerinnern kannst, hingen deswegen in deinen Schränken immer die schönsten Kleider, standen die schönsten Schuhe, lag der schönste Schmuck. Sie haben dir Privatunterricht ermöglicht, über die allgemeine Schulpflicht und auch über die normalen Lehrpläne hinaus. Sie haben die Benimm- und Tanzunterricht erteilen lassen, wollten immer, dass du auf deine Zukunft vorbereitet wirst und haben dabei nie einen Zweifel daran gelassen, was sie in dieser sehen: dich an der Seite eines stattlichen, angesehenen Mannes (der größte Traum deiner Mutter war dabei immer das Königshaus), auf Bällen tanzend und Ein Nachkomme des Königshauses wurde es nicht, aber einer Verlobung bist du deswegen nicht entkommen. Nicht nur das Beste kann gut genug für dich sein, wie deine Mutter feststellen musste, während du selbst mit steigendem Alter immer deutlicher festgestellt hast, dass das, was deine Eltern für dich wollen, nicht auch immer das ist, was du selbst möchtest. Du möchtest sie stolz machen, ja. Du hattest kein Mitspracherecht in der Wahl deines Verlobten und bist trotzdem bereit, diesen Mann, Samael Quirrn eines Tages zu heiraten, ihm die Frau an seiner Seite zu sein, zu der deine Eltern, insbesondere deine Mutter, dich all die Jahre herangezogen haben. Du siehst es als deine Pflicht an, hast sogar schon gesagt bekommen, dass die dazugehörige Liebe sich schon noch entwickeln wird, wenn ihr euch erst einmal ein bisschen besser kennenlernt. Samael und du, ihr werdet Du siehst das alles noch nicht so ganz für dich selbst, aber du siehst eine Gelegenheit, wenn sie sich ergibt. Deine lautet Basgiath War College, sie lautet militärische Ausbildung Ausbildung - und ganz sicher nicht Quadrant der Heilung. Denn du siehst Gelegenheiten nicht nur, du ergreifst sie auch und anstatt zu lernen, wie du die Wunden deines Zukünftigen versorgen könntest, weißt du genau, dass deine Gelegenheit die ist, zu lernen, an seiner Seite zu bestehen. Zu kämpfen. Du machst es nicht nur für deinen Verlobten, machst es auch für dich, für dein Leben und für eine Zukunft, in der du am Ende vielleicht doch einmal mehr mitzusprechen hast, als die Entscheidung darüber, welches Kleid du auf dem nächsten Empfang tragen wirst. Der Quadrant des Reitens ist deine große Gelegenheit, ein Weg, auf den du dich in den letzten Jahren bereits heimlich vorbereitet hast, so gut es dir allein möglich war, immer in dem Wissen, dass es am Ende doch nicht genug sein wird. Keine Trainingsstunde der Welt kann dir schließlich beibringen, dich auf Kommando zu verlieben. Oder jemand anderes dazu zu bringen, sich in dich zu verlieben. Wunder haben sie dich genannt, doch ist für dich das einzige Wunder, dass du es über den Viadukt geschafft hast. Reiterin
22 Jahre alt
Du bist zehn, als du das erste Mal auf dem Dach eures Hauses stehst. Das breite, stolze Grinsen auf deinem Gesicht passt absolut nicht zu den Gesichtern deiner Eltern, die zu dir nach oben schauen. Die Arme hast du ausbereitet, fast so, als wärst du bereit, jeden Moment loszufliegen – und genommen bist du das ja auch. Bist es schon seit einigen Jahren, wenn man dich fragt, und du wirst es mit jedem weiteren Jahr noch ein wenig mehr sein. Eigentlich fehlen dir nur noch die Flügel. Und der dazugehörige Drache. So einer, wie deine Großmutter ihn hat, so einer, wie ihn all die Drachenreiter haben. Aber heute ist dein großer Tag noch nicht gekommen, du musst dich noch ein wenig gedulden und weißt ganz genau, wie du die nächsten Jahre überbrücken wirst. Lernen. Trainieren. Lernen. Und noch mehr trainieren. Das hier, dein Moment auf dem Dach, ist schließlich auch nichts anderes. Und ein Blick nach links zeigt auch genau das: da sind Kisten und Fässer aneinander gestapelt, bilden eine nicht ganz so naturgetreue Nachbildung eines Drachenbeins und sehen so aus, als würden sie jeden Moment in sich zusammenfallen. Aber du hast es nach oben geschafft und du weißt schon jetzt, dass das nicht das letzte Mal sein wird. Den Gesichtern vor dem Haus nach zu urteilen, wissen deine Eltern das auch.Du bist sechzehn, als du zum ersten Mal so wirklich realisierst, dass ein Drachenreiterdasein nicht nur auf der Sonnenseite stattfindet. Du stehst neben deiner Schwester, hast die Hände zu Fäusten geballt und drückst die Fingernägel in deine Handfläche. Du bemühst dich, deinen Blick ausdruckslos zu lassen, die Tränen, die hinter deinen Augen brennen, für dich zu behalten, weil du genau weißt: das gehört sich so. Das muss so. Weinen ist ein Zeichen von Schwäche. Trauer ist ein Zeichen von Schwäche. Und wenn du in ein paar Jahren auf einem Drachen sitzen möchtest, darfst du keinesfalls schwach sein, ganz egal was passiert. Egal, wie sehr deine Welt auf den Kopf gestellt wird – denn an diesem Tag passiert genau das. Es ist die Beerdigung deiner Großmutter. Der letzte Abschied. Und irgendwie, zumindest für dich, auch das Ende einer Ära. Sie war schließlich immer eine Art Vorbild für dich. Hat große Fußabdrücke zurückgelassen, in die du eines Tages auch passen wirst (nicht willst, nicht kannst). Und jetzt ist sie fort, für immer. Und du stehst hier und versuchst stark zu sein, merkst aber, wie schwer es dir fällt. Du kannst deine Gefühle nicht einfach unterdrücken. Kannst sie nicht abschalten, sie nicht einfach in eine Kiste packen und irgendwo in der hintersten Ecke deines Ichs verstecken. Was du kannst, ist, dich auf den Druck in deinen Handflächen zu konzentrieren, anstatt auf den hinter deinen Augen. Du kannst deinen Körper versteifen, um das Beben einer Schultern zu verhindern und du deinen Blick auf einen Punkt vor dir fixieren, um so wenig wie möglich um dich herum mitzubekommen. Und was du noch lernen kannst (und wirst) ist das Aufbauen einer mentalen Mauer, hinter der du all die negativen Gefühle künftig verstecken kannst.Du bist einundzwanzig und genau dort, wo du hingehörst. Am Basgiath War College. Frisch ernannte Staffelführerin. Und auf dem Rücken eines Drachen, Valdrie, die Arme genauso ausbreitend, wie vor elf Jahren auf dem Dach deines Elternhauses. Der Wind weht dir um die Ohren, spielt mit ein paar losen Strähnen deines Haares und bläst die negativen Gedanken aus deinem Kopf. Lässt dich wenigstens für einen Moment deinen Kummer vergessen, deinen Frust, deine Ängste. Lässt dich vergessen, dass du beinahe deine Schwester verloren hättest und dass du ihn verloren hast, obwohl er noch immer da ist. Hier oben, weit über dem Erdboden und mit dem BWC irgendwo hinter dir spielt es keine Rolle, dass du deine Gefühle noch immer nicht einfach abschalten kannst, auch wenn du sie mittlerweile besser zu überspielen weißt. Hier oben merkst du am deutlichsten, dass du nicht mehr das zehnjährige Mädchen auf dem Dach bist. Oder das Mädchen, das sich bei zu großem Kummer kleine Halbmonde in die Handflächen drückt. Hier oben, in diesem Moment, spielt nur die Gegenwart eine Rolle. Und in dieser Gegenwart sind deine Füße schon ein ganzes Stück in die Abdrücke deiner Großmutter hineingewachsen.
Reiter
31 Jahre alt
i. Du hast schon als Kind von ihnen gehört. Kennst die Sagen und Mythen, von denen vor allem deine Mutter immer wieder erzählt hat; manchmal als wären sie Teil einer Einschlafgeschichte, manchmal aber auch wie eine Art Drohung, wenn du einmal nicht hören wolltest. Es waren Geschichten, die schon sie als Kind gehört hat, dachtest du immer. War ja alles nicht weiter schlimm, weil sie ja nicht echt waren, nicht wahr? Dachtest du zumindest immer, bis jetzt. Dein Bruder sitzt dir gegenüber, er ist schon seit einer Weile mit der Ausbildung zum Drachenreiter fertig, dir steht sie gerade noch bevor. Doch es sind keine besonderen Tipps, die er dir für diese Zeit mit auf den Weg geben will. Sind keine Tricks, mit denen du es einfacher über den Viadukt oder in deiner Staffel schaffen könntest. Sind keine Erfahrungen, die er mit dir teilen will – oder zumindest nicht solche, wie du sie dir erhoffst. Veneni und Wyvern sind echt. Die Worte hängen zwischen euch, ganz frisch ausgesprochen, aber wie es scheint noch nicht wirklich angekommen. Er sieht dich ernst an, du schaust verwirrt, willst ihm eigentlich gar nicht glauben. Doch da ist etwas in seinem Blick. Da klingt etwas in der Stimme deiner Mutter nach, immer wenn sie von diesen Mythen erzählte. Da ist diese kleine Alarmglocke in deinem Kopf, die dich davon abhält, diese Worte einfach als dämlichen Scherz abzutun. Die Worte dringen weiter in deinen Kopf, erreichen die hintersten Zellen deines Hirns und mit dem Verstehen, mit dem Glauben kommt noch eine Erkenntnis: ihr werdet belogen. Deine Familie, alle Familien, das ganze Land. Die Frage ist nur: wieso? Wäre doch sinnvoller, euch alle auf die Wahrheit vorzubereiten. Eigentlich.
ii. Dein Blick ist wachsam, deine Körperhaltung angespannt. Ist nicht das erste Mal, dass du dich in dieser Situation wiederfindest und trotzdem ist es nichts, in das du mit Leichtigkeit gehst. Ohne Vorsicht, ohne zu vergessen, dass ihr vielleicht alle mal im Sand gespielt habt, aber auf verschiedenen Seiten der Grenze. Vor dir stehen zwei poromische Flieger, direkt zwischen ihren Greifen, während neben dir ein weiterer Reiter steht, in euren Rücken eure Drachen, die eure Gegenüber genau im Blick behalten. Ihr wechselt ein paar Worte, du holst dir ein paar Informationen darüber ein, wie es drüben aussieht, obwohl du dich doch gerade selbst dort befindest. Auf der anderen Seite der Grenze. Außerhalb des Schutzschildes. Auf poromischem Boden. Die Waffen, die ihr mitgebracht habt, wechseln ihre Besitzer und es fallen noch ein paar weitere Worte, bevor du dich abwendest, zurück zu Udys gehst. Dein Drache lässt in seiner Aufmerksamkeit nicht nach, wartet ruhig, bis ihr sicher auf euren Drachen sitzt und die Flieger auf ihren Greifen sitzen, bevor er abhebt, dich zurück Richtung Heimat fliegt. Dorthin, wo du eigentlich hingehörst. Dorthin, wo du diese Waffen herbekommst, wo du seit deiner Ausbildung stationiert bist. Aber du weißt: das hier wird nicht das letzte Treffen gewesen sein. Weißt, dass du in ein paar Wochen wieder vor Fliegern stehen wirst. Spätestens. iii. Du stehst ganz still, zu deinen Füßen hebt sich der Staub der Trümmer, die um dich herum liegen. Kaum zu glauben, dass du einmal in diesem Haus aufgewachsen bist. Dass du hier gelernt hast, wie man läuft und spricht und zum ersten Mal auf so etwas wie einem Drachen gesessen hast – damals jedoch noch aus Holz, viel zu leicht entflammbar für das Wesen, das sich letztendlich wirklich an dich gebunden hat. Oder dich an sich, darüber könnte man sich wahrscheinlich streiten. Aber nicht jetzt, nicht hier, wo du zum ersten Mal vor deinem zerstörten Elternhaus stehst. Ist nicht das einzige, das die Schlacht von Aretia nicht überlebt hat; die Menschen, die darin noch lebten, haben es aber glücklicherweise rausgeschafft. iv. Es kommt dir vor, als würde dir der Atem stocken. Als würde dein Herz kurz aussetzen. Du musst ein paar Mal blinzeln, um dich zu vergewissern, dass das kein Traum ist – aber es hilft alles nichts, das hier ist die Realität. Ist sie, die da vor dir steht. Sie, die du das letzte Mal vor fünf Jahren gesehen hast. Sie, mit der du einmal in einer Staffel gewesen bist, mit der du bereits deine Ausbildung bestritten hast. Sie, die dich einfach immer wieder so unendlich genervt hat. Angekotzt hat. Und herausgefordert hat. Ist aber auch vor allem sie, deren Anblick augenblicklich ein paar längst verdrängte Bilder zurück in deinen Kopf jagt. Bilder von Veneni, von Wyvern, von kämpfenden Reitern und Fliegern, Seite an Seite. Und von ihr, wie sie verletzt am Boden lag, obwohl sie nicht einmal annähernd in deiner Nähe sein sollte. Ihr hättet sie dort lassen, sie ihrem Schicksal überlassen sollen (wäre vielleicht wirklich am einfachsten gewesen), aber ihr habt euch um sie gekümmert, sie zurück zu eurem Stützpunkt gebracht. Und während dein Bruder anbot, ihr Gedächtnis zu löschen, warst du es, der sich für eine einfache Lüge entschied. Missglückter Einsatz ihrer Siegelkraft, dabei auf den Kopf gefallen. Alles ziemlich blöd gelaufen. Vor vorher. Mit der Lüge. Und damit, dass sie nun wieder in deiner Staffel gelandet ist. Reiter
21 Jahre alt
i. Mit großen Augen siehst du ihr dabei zu, wie sie auf dem Stamm eines umgefallenen Baums balanciert. Beobachtest, wie sie fast schon drüber hinwegrennt, obwohl du genau weißt, dass es leichter aussieht, als es ist. Zumindest für dich. Letzte Nacht hat es geregnet, das Holz ist nass und rutschig, das weißt du auch, ohne darauf auszurutschen. Weißt genauso gut, dass es dir passieren würde, wie du weißt, dass es ihr nicht passieren wird. Nicht nur, weil sie das schon ein paar Mal gemacht hat, nicht nur, weil sie ganz andere Schuhe trägt als du, sondern weil du absolutes Vertrauen in sie hast. Natürlich, sie ist schließlich deine große Schwester, sie kann alles. Du weißt, dass das natürlich nicht ganz stimmen kann, dass es auch Sachen gibt, die Iris nicht schaffen würde, die auch für euren Bruder eine Nummer zu groß sein werden, aber für dich wirkt es trotzdem manchmal so – weil so viele Dinge für dich selbst schon eine Nummer zu groß wirken. Oder zwei. Es ist eine Ausnahme, dass du heute hier bist, normalerweise bist du um diese Zeit bei deiner Mutter. Hilfst ihr bei der Arbeit, lässt dich nach und nach bereits in die Welt einführen, die sie einst für sich gewählt hatte. Schriftgelehrte, die Welt der Bücher, des Wissens, der Recherche – kannst gar nicht leugnen, dass dich das alles fasziniert, doch kannst in diesem Moment genauso wenig leugnen, dass die Balance deiner Schwester dich ebenfalls fasziniert. Als sie das Ende vom Stamm erreicht, fragt sie, ob du auch mal willst. Hält bei den ersten Schritten sogar noch deine Hand, läuft neben dir her, wirkt nur ein wenig ungeduldig, weil du es nicht in ihrem Tempo schaffst. Nach der Hälfte rutschst du schließlich doch aus, fällst vom Stamm und auf dein Knie. Der Schmerz ist stark genug, um dir Tränen in die Augen zu treiben, doch ist's kein Trost, der von deiner Schwester kommt. Kein Wort zu deinen Schmerzen, dafür die Erklärung, dass es beim nächsten Mal nicht leichter wird, wenn du jetzt weinst – war wohl vor allem die Verwirrung, die deine Tränen in diesem Moment direkt versiegen lassen hat. Deine Mutter hätte anders reagiert, das weißt du. Dein Vater, dein Bruder, so gut wie jeder andere auch, aber du weißt genauso gut: normal ist bei Iris etwas anders. Und die Logik in ihren Worten war unbestreitbar.
ii. Dein Bruder hat eine Freundin, spricht von großer Liebe und Hochzeit, deine Schwester hat einem Jungen die Nase gebrochen – und wenn du das Mädchen neben dir ansiehst, verspürst du weder den Drang zu Gewalt, noch den Wunsch einer gemeinsamen Familie. Adelaide ist bereits seit einigen Jahren deine beste Freundin und seit kurzem sogar ein bisschen mehr. Deine erste feste Freundin, doch das mit euch ist alles irgendwie ganz anders, als die Sache bei deinem Bruder. Während die beiden oft nur durch eine Brechstange voneinander zu trennen zu sein scheinen, müsste man euch beide wohl zusammenbinden, damit auch ein Außenstehender sieht, dass ihr zusammengehört. Du magst sie wirklich gern, aber das hast du ja schon immer. Du hältst gern ihre Hand, eure ersten Küsse waren irgendwie komisch und wenn du deinen Arm um sie legst, dauert es gar nicht lang, bis sie sich daraus löst und einen Schritt zur Seite macht. Es gibt Momente, in denen sich nichts anders anfühlt als in den vergangenen Jahren und dann gibt es diese Momente, in denen du sie dabei beobachtest, wie sie sich auf irgendetwas konzentriert und sie dabei einfach nur wunderschön findest. Sind diese Momente, in denen du dir klar machst, dass nicht jede Beziehung wie die deines Bruders sein kann. Dass Adelaide und du nicht dein Bruder und seine Freundin seid, dass deren normal nicht euer normal sein muss. Und es gibt ein paar dieser Momente, bevor ihr über euch, über eure Beziehung sprecht – und bevor dir nicht nur bewusst wird, dass ihr als beste Freunde einfach besser dran seid, sondern, dass du auch einfach nicht der bist, den sie an ihrer Seite braucht. Nicht der und auch nicht das richtige. iii. Das Stück Papier in deiner Hand ist knittrig, hast es bereits ein paar Mal in deiner Hand zerknüllt, bevor du es wieder glatt gestrichen hast. Die Worte darauf noch einmal gelesen hast. Und dann noch einmal. Es ist der erste und gleichzeitig auch der letzte Brief, den Iris euch geschickt hat. Das letzte Mal, dass du etwas von deiner Schwester gehört hast. Gelesen. Es ist nun über ein Jahr her, dass du dich von ihr verabschiedet hast und es verging seitdem kaum ein Tag, an dem du nicht erleichtert warst, weil diese Meldung ausblieb. Sie hat sich für den Reiterquadranten entschieden, ist den Weg gegangen, auf dem sie vor Jahren schon auf diesem nassen Baumstamm trainiert hat und hat es wirklich geschafft. Ein Jahr lang. Ein Monat. Und fünfzehn Tage. Der Brief, der vor zwei Tagen bei euch eintraf, gerade einmal eine Woche nach dem Brief in deiner Hand, ist Schuld daran, dass du nun hier stehst. Neben deinen Eltern, auf eine Flamme starrend, die nur einen Sinn hat: die zurückgebliebenen Habseligkeiten deiner Schwester zu verbrennen, ganz so, wie es sich gehört. Deine Eltern haben all ihre Sachen zusammengetragen, keines eurer Gesichter ist trocken, während ihr zuseht, wie die letzten Sachen zu Asche zerfallen, nach und nach vom Wind weggetragen werden. Niemand von euch schenkt dem Blatt in deiner Hand eine besondere Beachtung, niemand denkt daran, dass der ja eigentlich auch von ihr ist, denn: sie hat ihn vielleicht geschrieben, aber nun gehört er dir. Wird das einzige bleiben, was dir, abgesehen von deinen Erinnerungen, von deiner Schwester bleibt. Ein Mahnmal daran, wie schnell alles vorbei sein kann und wie unberechenbar das Leben doch ist. Oder Malek. iv. Heute bist du genau dort, wo Iris selbst schon war. So weit in etwa, wie sie selbst es geschafft hat. Dein zweites Jahr am Basgiath War College hätte das erste sein sollen, das du ohne deine Schwester verbringst, stattdessen wird es das Jahr, in dem du älter als deine Schwester sein wirst. Du weißt, dass sie ein paar der Erfahrungen, die du im vergangenen Jahr gesammelt hast, selbst gemacht haben wird. Das Training, der Gauntlet, das Dreschen. Weißt, dass sie im gleichen Unterricht gesessen hat, wie du, dass sie vielleicht sogar auf dem gleichen Platz gesessen haben könnte – und dass für sie wahrscheinlich gleichzeitig alles ganz anders war, als für dich. An keinem einzigen Tag in deinem ersten Jahr hast du versucht, in ihre Fußstapfen zu treten, weil du zum einen gar nicht wusstest, wo diese waren, und zum anderen, weil ihr Leben nicht zu deinem werden sollte. Genauso wenig wie ihr Schicksal, sei es nun direkt oder indirekt, durch den eigenen Tod oder den einer Person, die dir wichtig ist. Eine Person, die ihr schon immer ähnlicher war als irgendjemand sonst. Du warst von Anfang an keiner der besonders herausstechenden Kadetten, doch warst du auch nie jemand, der sich von den Topkadett:innen hat abhängen lassen. Immer auf der Überholspur, doch immer ein wenig zu langsam, um wirklich zu überholen. Du hast das Dreschen überlebt, dein erstes Jahr. Du hast dein Herz verschenkt und eine Frau gefunden, mit der du wirklich glücklich bist. Eine Frau, von der dich manchmal selbst nur eine Brechstange lösen könnte, mit der du dir wirklich eine gemeinsame Zukunft vorstellen könntest. Irgendwo im Dienst des Königreichs, in der gleichen Staffel mit ihr und deiner besten Freundin, weil ihre Drachen aneinander gebunden sind. Ihr beide und deine beste Freundin, für die du nicht die richtige Person in einer Beziehung warst, weil sie auf Frauen steht. Nun vermutlich sogar auf deine Freundin steht, wenn du sie richtig liest – und Adelaide zu lesen ist für dich nur selten leicht. Kein Grund zur Sorge, weil du weißt, dass Lethe dich liebt, so wie du sie liebst. Ist vielleicht alles nicht ideal, wird niemals die Art von Familie werden können, wie die, in der du aufgewachsen bist, weil ihr beide, Lethe und du, mit euren Drachen ans Militär gebunden seid, aber: gibt definitiv schlimmeres, das du dir vorstellen könntest. Schlimmeres, das du dir gar nicht erst vorstellen wollen würdest. Reiterin
22 Jahre alt
Du hast nie darum gebeten.
Nicht um den Verlust deiner Familie. Nicht um die Jahre in einer fremden Familie. Nicht um die Ausbildung zur Drachenreiterin. Und auch nicht um die Verantwortung, die heute auf deinen Schultern liegt. Doch Wünsche waren nie Teil der Gleichung, die sich Leben nennt. Vor fünf Jahren hattest du noch eine Familie. Ein Zuhause. Und ein Leben, das dir gehörte - oder zumindest eines, das diese Illusion erweckte. Mit Eltern, die in der tyrrischen Rebellion weit mehr waren als bloß Mitläufer, stand es dir eigentlich nie frei, einfach zu tun, wonach dir gerade der Sinn stand. Lang, bevor du alt genug warst, um die Tragweite ihrer Taten wirklich zu verstehen, und auch lang, bevor deine eigene Stimme Gewicht hatte, haben sie bereits damit begonnen, nicht nur die Zukunft Tyrrendors verändern zu wollen, sondern auch sichere Steine für deine eigene Zukunft zu legen. Deine Sicherheit war ihnen schließlich wichtig - doch hast du dich nicht selten gefragt, wie sie sich entscheiden würden, wenn sie vor die Wahl gestellt worden wären: du und deine Sicherheit oder ihr Vorhaben, ihre Mission. Dann scheiterte die Rebellion. Deine Eltern und auch dein Bruder bezahlten mit ihrem Leben. Und du mit allem, was danach noch von deinem alten Leben übrig geblieben ist. Deine Familie: weg. Dein Zuhause: weg. Dein Leben: bestimmt durch die Markierungen auf deiner Haut, ein Zeichen für die Taten deiner Eltern. Wie alle Separatistenkinder wurdest auch du in die Obhut einer Pflegestelle übergeben. Einer Familie, die auf den ersten Blick kaum unauffälliger hätte sein können. Gesetzestreu. Loyal gegenüber Navarre, dem König und allem, wogegen deine Eltern waren - zumindest war das das Bild, das sie für andere zeichneten. Hinter verschlossenen Türen sah die Wahrheit anders aus. Hinter diesen Türen wurden Kontakte gepflegt und auch Informationen gesammelt, da wurden vergangene Fehler analysiert und die Rebellion nicht mit ihren Gefallenen begraben. Sie hielten an der Hoffnung fest, die auch deine Eltern hatten und sie waren sich sicher, dass es noch nicht vorbei war. Nach der Rebellion Mit kleinen, vorsichtigen Schritten. Und mit dir mittendrin. Sie erzählten dir alles. Von den Lügen des Königreichs und den Gefahren, die wirklich auf euch lauern. Manches hast du bereits bei deinen Eltern mitbekommen, vieles wollten sie damals jedoch noch von dir fernhalten. Warst du früher noch das Mädchen, das man schützen wollte, wurdest du in den folgenden Jahren zu dem, das lernen musste, sich selbst zu schützen. Du wurdest auf die Zukunft vorbereitet, die das Ende der Rebellion für dich mit sich brachte. Auf Basgiath und den Reiter:innenquadrant, der, anders als für andere, nun nicht mehr nur eine Option war, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt noch eine Zukunft zu haben. Schon bei deinen Eltern und deinem Bruder hast du gelernt, zu kämpfen, hast dich damals jedoch noch für eine Zukunft in der infanterie entschieden - nun förderten sie diese Kampfkünste und brachten dir bei, wie man Informationen sammelt, ohne selbst welche preiszugeben, und auch, wie man unauffällig bleibt, wenn allein die Male auf deiner Haut dir automatisch Aufmerksamkeit einbringen. Gleichzeitig wurdest du Schritt für Schritt in die langsam wachsende Revolution eingeführt. Du hast Menschen getroffen, die hinter ihr stehen, hast von Plänen erfahren, die im Geheimen geschmiedet wurden und durch erste kleine Aufgaben bewiesen, dass dein Herz im gleichen Rhythmus schlägt wie ihres. Wie das deiner Familie. Mit jedem Jahr wuchs das Vertrauen, das in dich gesetzt wurde - und mit ihm die Verantwortung. Während andere vielleicht hofften, dass mit dem Gang über den Viadukt auch die letzten Überbleibsel der damaligen Rebellion (die Nachkommen der Rebellen) sterben würden, war Basgiath für euch nie das Ziel. Es war der eigentliche Beginn. Deine erste große Aufgabe. Die Revolution braucht Augen und Ohren im Inneren des War Colleges. Verbündete. Menschen, die sich frei genug bewegen können, um Informationen zu sammeln, Risiken einzuschätzen - und diese auch selbst nicht scheuen. Anfangs waren es nur kleine Treffen, alles im Rahmen der Regeln für Gezeichnete, die ganz neu mit euch, den ältesten Gezeichneten, nach Basgiath kamen. Ihr habt euch zusammengetan, euch unterstützt und geschützt, wenn das Misstrauen der anderen euch gegenüber zu groß wurde. Dann… kam das Dreschen. Drachen an eurer Seite, die gar nicht erst so taten, als wüssten sie nicht, was ihr wüsstet. Die Waffen, überzogen mit einer Legierung, die im Kampf gegen die wahren Feinde von unaussprechlichem Wert ist. Und mit ihnen auch die ersten Lieferungen. Nächtliche Ausflüge auf den Drachen und mit schweren Taschen. Zuerst nur nach Tyrrendor, bald jedoch auch hinter die Grenzen Navarres, zu einer Übergabe an jene, die der ahnungslosen Bevölkerung Navarres als großer Feind präsentiert wird: Flieger:innen aus Poromiel. Heute bist du eine Reiterin. Eine Gezeichnete. Eine Schmugglerin. Und eine der wenigen, die sowohl die Vergangenheit der Rebellion, als auch die Gegenwart der Revolution kennen. Das Opfer deiner Eltern möchtest du nicht bedeutungslos werden lassen, dein Weg jedoch soll ein besserer werden als ihrer. Du kennst die Geheimnisse, die das Land so eisern zu hüten versucht (nun, zumindest ein paar davon) und die Risiken, die jeder einzelne Schritt mit sich bringt. Du bist jemand, dem man Vertrauen schenkt - und zu dem die Blicke immer häufiger gewandert sind, wenn die Gezeichneten in Basgiath nach Orientierung suchten. Aus dem Mädchen, das lernen musste, sich selbst zu schützen, ist heute eine Frau geworden, die auch für den Schutz und die Zukunft anderer kämpft. Du hast nie um die Verantwortung auf deinen Schultern gebeten. Aber du hast nach ihr gegriffen, als sie vor dir lag. Infanterie
20 Jahre alt
Dein Blick ist leer, dein Kopf ist es auch. Das Papier in deiner Hand ist schon ganz knittrig, so oft hast du deine Finger bereits darum geschlossen und es doch wieder glatt gestrichen, einem weiteren Hoffnungsfunken folgend, dass du dich einfach nur verlesen hättest - aber du hast es nicht. Die Nachricht ist eindeutig - durchgefallen -, deine Zukunft hingegen nicht mehr. Soweit du dich zurückerinnern kannst, hast du immer davon geträumt, am Basgiath War College eine Ausbildung zum Heilkundigen zu absolvieren, um anderen zu helfen und mit dem Brief in deiner Hand siehst du deine Träume nun den Bach runtergehen. Und alles, was du im ersten Moment tun kannst, ist, ihnen hinterher zu blicken, bevor du dir im zweiten Moment Gedanken darüber machst, wie deine Zukunft nun aussehen soll. Oder kann. Du könntest es im nächsten Jahr noch einmal probieren, könntest, genau wie dein Bruder, nun lediglich die einjährige Grundausbildung in der Infanterie machen - aber es erscheint dir nicht richtig. Fühlt sich schon in deinen Gedanken falsch an, denn so sehr du immer zu deinem Bruder aufgesehen hast, so wenig wolltest du auch auf Dauer in die Fußstapfen treten, die er hinterlassen hat.
Der Schritt in den Quadrant der Infanterie, zu einer dreijährigen Ausbildung anstelle der einjährigen Ausbildung, fühlt sich keinen einzigen Moment lang besser für dich an - doch es gibt diese kleine, leise Stimme in deinem Innern, die dir zuflüstert, dass es genau das eben doch ist. Eine richtige Ausbildung für den ersten Schritt einer richtigen Karriere: solltest du dich in den nächsten drei Jahren nicht doch noch einmal für einen zweiten Versuch entscheiden, könnte dieser Weg dir schließlich bessere Chancen ermöglichen, um Dinge zu ändern. Deinen Eltern, armen Arbeitern aus Calldyr Stadts weniger nobleren Vierteln, ein besseres Leben ermöglichen und gleichzeitig vielleicht sogar die Umsetzung der Gesetze optimieren. Sind sehr hoch gesteckte Ziele, das ist dir bewusst - doch wenn schon, dann richtig. Wenn schon dieser Weg, dann um auch hier anderen dabei zu helfen, am Leben zu bleiben. Deine Schwester und du, ihr seid gemeinsam nach Basgiath aufgebrochen, nur um dort eure eigenen Wege zu gehen. Ihr seid keines dieser Zwillingspaare, die unzertrennlich sind, seht euch eher als Geschwister, die sich rein zufällig einen Geburtstag teilen, während die Person, die dir viele Jahre lang wie eine enger stehende Schwester war, in deinem neuen Leben bereits auf dich wartet - während sich die Wiedersehensfreude auf deiner Seite doch eher in Grenzen hält. Nach dem Tod deines Bruders hast du den Kontakt zu ihr abgebrochen, ihre Briefe unbeantwortet in irgendwelche Schubfächer gestopft und, als es darauf ankam, nicht bedacht, dass deine Wahl für den Quadrant der Infanterie dich auch zu ihr führen würde. Eigentlich möchtest du nur deine Ausbildung durchziehen, hast schließlich in den letzten Monaten noch so gut dafür trainiert, wie es nur ging (findest selbst, dass es nie gut genug war), aber dir war bereits vor eurem ersten Aufeinandertreffen klar, dass das nicht so einfach werden könnte. Kannst ihr schließlich nicht immer aus dem Weg gehen, nicht einfach für immer die kalte Schulter zeigen, ohne ihr die Gründe zu nennen - ohne ihr zu sagen, wie sehr du ihren Vater dafür hasst, dass er dir deinen Bruder genommen hat. Reiterin
35 Jahre alt
i. "Ich bin Tal –" Die Hand bereits ausgestreckt, stockt deine zarte Stimme. Gerade noch rechtzeitig fällt dir ein, dass es vielleicht keine so gute Idee wäre, dich mit deinem richtigen Namen vorzustellen. AlsTalyn oder, mögen die Götter bewahren, gar als Talyn Vaelric, wo doch dieser Name allein schon ausreichen würde, um deine gesamte Identität zu offenbaren. Die Tochter des Herzogs. Ein Mädchen, das sich ganz sicher nicht allein hier herumtreiben sollte. Nicht mit gerade einmal elf Jahren. "-yx." Talyx. Einen Preis für Kreativität wirst du damit wahrscheinlich nicht gewinnen, doch brauchst du den auch nicht. Reicht, wenn der Junge dir gegenüber dir glaubt, dir keine weiteren Fragen stellt. Deine Augen strahlen ihn an, als du seine Hand schüttelst. Hast ihn gerade erst kennengelernt, beobachtet, wie er jemanden auf dem Markt, auf den auch du heute mitgenommen wurdest, bestehlen wollte – und ehe du es dich selbst versehen hast, bist du ihm nachgerannt. Um ihm zu erklären, dass das, was er da getan hat, falsch war. Ihn dazu zu bringen, das Diebesgut zurück zu geben, bevor er wirklich Ärger bekäme. Wolltest ihn dazu bringen, das Richtige zu tun und vergisst es doch, kaum dass er in einer Gasse zum stehen kommt und deine Freude, dein Stolz darüber, mit ihm mitgehalten zu haben, alles andere überwiegt. Was du in diesem Moment noch nicht ahnst: ist der Beginn einer Freundschaft, die ewig halten soll. Eine Freundschaft, die dein Leben verändern, es in andere Bahnen lenken wird. Und der Moment, in dem wegen einer Sekunde des Stockens Iks geboren wird.
ii. Dein Blick wandert aus dem Fenster, beobachtet lieber den Vogel auf der anderen Seite, als den Lehrer, der gerade versucht, seinen Job zu erledigen. Unterricht. Privatunterricht, weil deine Eltern es sich leisten können und für ihren Nachwuchs natürlich nur die bestmögliche Bildung wollen. Während deine Brüder lernen, wie man kämpft, lernst du etwas über heilende Pflanzen, über Kräuter und verschiedenste Tees. Die beste Vorbereitung für deine Zukunft, wie sie dir immer wieder sagen – sie wollen immer nur das Beste für dich, aber fragen niemals, was du eigentlich willst. Sonst wüssten sie, dass es nicht das hier wäre. Dass du nicht hier sitzen und einem alten Mann lauschen willst, während draußen die Sonne scheint und er dort ist. Irgendwo, vielleicht sogar auf dich wartend. Hoffst, dass er's tut, damit du nicht die einzige bist, die innerlich immer wieder eigentlich nur wartet. Mittlerweile weiß er, wer du wirklich bist, aber geändert hat's in den letzten Jahren nichts. Du schleichst dich aus dem Anwesen deiner Familie, das sich so oft wie ein goldener Käfig anfühlt. Triffst dich mit ihm und iii. Du weißt genau, was du tun musst. Weißt, dass es der Heilerquadrant ist, der heute auf dich wartet. Dass dies ein weiterer Schritt in die Zukunft ist, die andere für dich geplant haben. Vorbereitet haben. Du weißt, dass das alles deine Pflicht ist und doch stehst du nun hier: in einer ganz anderen Schlange, vor einem ganz anderen Quadranten. Umgeben von Gleichaltrigen, denen ganz bestimmt nicht der Sinn danach steht, sich in den nächsten Jahren um die Verletzten des Basgiath War Colleges zu kümmern. Sie sind die, die für Verletzungen sorgen werden. Vielleicht auch die, die sie erleiden werden. Du überquerst den Viadukt vorsichtig, langsam, den Blick immer nach vorn gerichtet, weil auf der anderen Seite dein Ziel ist. Der Reiterquadrant. Ganz viel Abstand zu den Verpflichtungen deiner Familie. Und er, natürlich. War immer schon er, zu dem es dich gezogen hat, das ganze letzte Jahr und auch in denen davor. Du weißt, dass die Ausbildung alles andere als ein Klacks wird, bist vielleicht keine so ausgebildete Kämpferin wie deine Brüder, aber gänzlich unvorbereitet bist du trotzdem nicht – und du scheust auch nicht davor zurück, zusätzliche Trainingseinheiten einzulegen, deine Freizeit deinem Überleben zu widmen. Deiner Zukunft und deiner Sicherheit, der des Landes natürlich auch. Würde man dich heute fragen: das hier ist es, was du willst. iv. Deine Arme sind ausgestreckt, dein Haar weht im Wind. Du brauchst die Stimme in deinem Kopf nicht, um dich daran zu erinnern, dich gleich wieder festzuhalten, aber du möchtest sie auch nicht mehr missen. Nie mehr. Rhaega und du, ihr seid ein Team, unzertrennlich, seitdem sie dich beim Dreschen an sich gebunden hat. Kannst es manchmal noch gar nicht glauben, wie lang das mittlerweile her ist. Jahre eigentlich, doch gefühlt sind es manchmal trotzdem erst ein paar Tage – oder bereits Jahrzehnte. Auf seinem Rücken fühlst du dich frei, bist eine Reiterin und nicht 'nur' die Schwester des Herzogs von Calldyr. Deine Pflichten und Verantwortungen gehen über jener deiner Familie hinaus, dein Dasein als Reiterin ist auch heute noch nicht das, was sie gern für dich hätten. War schließlich alles bereits geplant, selbst eine Verlobung gab es bereits; die Hochzeit hat jedoch nie stattgefunden, wurde gestrichen, als klar wurde, dass du in so mancher Augen falsch abgebogen bist. Und du müsstest lügen, würdest du behaupten, dass du deswegen traurig gewesen wärst. Das Leben, das andere für dich geplant haben, war nie das, was du für dich wolltest. Das Leben, das du heute lebst, ist vielleicht nicht ganz das, wie du es dir einst selbst vorgestellt hast, doch würdest du es auch nicht mehr eintauschen wollen. Fliegerin
22 Jahre alt
Prinzessin von Poromiel - noch bevor du deinen ersten Atemzug getan hast, folgte dieser Titel bereits deinem Namen, brachte eine Bürde mit sich, die auch heute, 22 Jahre später, noch immer nicht zu jeder Zeit leicht für dich zu tragen ist. Als jüngstes der Königskinder ist dir bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit, dass du einmal auf dem Thron Poromiels landest, eher gering ist. Du weißt, dass dein Bruder diesen Job eines Tages übernehmen wird, dass du noch einen weiteren Bruder hast, der dieser Pflicht folgen müsste, bevor du an der Reihe wärst, doch weißt du auch, dass diese Wahrscheinlichkeit keinesfalls bei Null liegt. Der Verlust deines Vaters in seinem Kampf gegen Veneni hat dich gelehrt, wie schnell das Schicksal zuschlagen könnte, wie schnell die Welt ins Wanken geraten und Pläne nichtig gemacht werden können. Du siehst dich nicht als Königin eines ganzen Landes, siehst dich nicht in den Fußstapfen deines Vaters, auch nicht in denen deiner Mutter und doch hast du jeden Teil deiner königlichen Ausbildung ernst genommen - die, sehr zu deiner unausgesprochenen Freude, nicht nur aus Tanz- und Etikettestunden bestand, nicht nur dein politisches und geschichtliches Wissen erweitern sollte. Denn das bist nicht du. Nicht nur. Bist noch nie einfach nur die süße kleine Prinzessin in den hübschesten Kleidern gewesen. Nicht nur das Mädchen, das schon früh darauf trainiert wurde, seinen königlichen Auftritt zu perfektionieren und niemals aus dem Rahmen zu fallen.
Du bist das Mädchen, das mit diesem Rahmen gespielt hat. Das Mädchen, das ihn verformt hat. Das Mädchen, das den Rahmen auseinander genommen, ihn irgendwann gesprengt hat. In deinem Schlafraum im königlichen Palast befindet sich noch heute eine gute Auswahl wunderschöner Kleider, in denen du dich bewegst, als hättest du noch nie etwas anderes getan - doch sieht man dich nur zu besonderen Anlässen in ihnen. Neben diesem Teil deiner Ausbildung wurdest du schließlich auch bereits früh darauf vorbereitet, deinen Vorfahren eines Tages ins Militär zu folgen - eine Familientradition, die auch bei dir als Prinzessin in gewisser Weise vorausgesetzt wurde, bei der du selbst aber die weniger kampfbereiten Optionen auch nie wirklich in Betracht gezogen hast. Es waren die Fußstapfen deines Vaters, denen du folgen wolltest. Die Fußstapfen, die deine Brüder schon vor dir versuchten, auszufüllen, und in denen auch deine Füße selbst heute noch eine Menge Platz hätten. Aber du bist dir sicher: eines Tages wirst du sie ausfüllen. Wirst deinem Vater, deiner Familie, alle Ehre erweisen, genauso wie auch dem gesamten Königreich. Du hast deinen Brüdern schon immer in gewisser Weise nachgeeifert, doch dass du ihnen in den Quintant des Fliegens gefolgt bist, hat weniger mit ihnen, als mit deinem Vater zu tun. Er war der erste Flieger der Familie, und genauso, wie wahrscheinlich auch für Azulon und Vesryn, ist dieser Weg auch für dich eine weitere Art, ihn zu ehren. Aber: es ist auch das, was du wirklich willst. Hast es seit deiner Initiation nicht ein einziges Mal bereut, dass du den Klippensprung gewagt hast, der dich letztendlich mit Ruair zusammenbrachte, einem Greifen, der im ersten Jahr deiner Ausbildung bereits zu so viel mehr als nur einem geflügelten Freund für dich wurde. Ihr seid ein Team, eine Einheit - und so eng miteinander verbunden, dass du dir das Leben, wie es vor ihm war, nur noch schwer vorstellen kannst. Es gibt nichts, was du vor ihm verheimlichen kannst, doch gibt es auch nichts, was du vor ihm verheimlichen musst. Er kennt dich mit deinen guten und schlechten Seiten, mit deinem hellsten, echtesten Lachen, aber auch mit dem Schmerz, der noch heute in deiner Brust zieht, wenn einen der Briefe schreibst, die dein Vater niemals mehr wird lesen können. |