reisende:r
Registrieren
the empyrean
Ein Drache ohne seinen Reiter ist tragisch. Ein Reiter ohne seinen Drachen ist tot.
— Rebecca Yarros, Flammengeküsst

Dieses Forum nutzt Cookies
Dieses Forum verwendet Cookies, um deine Login-Informationen zu speichern, wenn du registriert bist, und deinen letzten Besuch, wenn du es nicht bist. Cookies sind kleine Textdokumente, die auf deinem Computer gespeichert sind; Die von diesem Forum gesetzten Cookies düfen nur auf dieser Website verwendet werden und stellen kein Sicherheitsrisiko dar. Cookies auf diesem Forum speichern auch die spezifischen Themen, die du gelesen hast und wann du zum letzten Mal gelesen hast. Bitte bestätige, ob du diese Cookies akzeptierst oder ablehnst.

Ein Cookie wird in deinem Browser unabhängig von der Wahl gespeichert, um zu verhindern, dass dir diese Frage erneut gestellt wird. Du kannst deine Cookie-Einstellungen jederzeit über den Link in der Fußzeile ändern.


Aber ich versteh's nicht. Versteh nicht, wie ich so sehr aus seinem Kopf, wahrscheinlich dann auch aus seinem Herzen, verschwinden konnte, dass es die Erwähnung meines Namens braucht, um an mich zu denken, während er mietfrei in meinem Kopf wohnt.
‐ Josephine Mintz

Statistiken

14.09.2024
Registriert am
04.04.2025
Zuletzt online
02.04.2025
Letzter Beitrag
4
Inplayzitate
86
Inplay-Posts
40
Szenen insgesamt
269802
Geschriebene Zeichen
3137
Zeichendurchschnitt


Auszeichnungen (10)

vom 06.12.2024
vom 06.12.2024
vom 06.12.2024
vom 06.12.2024
vom 06.12.2024
vom 06.12.2024
vom 24.12.2024
vom 01.01.2025
vom 10.03.2025
vom 01.04.2025

Charaktere von Jea


Reiterin
21 Jahre alt
Du bist zehn, als du das erste Mal auf dem Dach eures Hauses stehst. Das breite, stolze Grinsen auf deinem Gesicht passt absolut nicht zu den Gesichtern deiner Eltern, die zu dir nach oben schauen. Die Arme hast du ausbereitet, fast so, als wärst du bereit, jeden Moment loszufliegen – und genommen bist du das ja auch. Bist es schon seit einigen Jahren, wenn man dich fragt, und du wirst es mit jedem weiteren Jahr noch ein wenig mehr sein. Eigentlich fehlen dir nur noch die Flügel. Und der dazugehörige Drache. So einer, wie deine Großmutter ihn hat, so einer, wie ihn all die Drachenreiter haben. Aber heute ist dein großer Tag noch nicht gekommen, du musst dich noch ein wenig gedulden und weißt ganz genau, wie du die nächsten Jahre überbrücken wirst. Lernen. Trainieren. Lernen. Und noch mehr trainieren. Das hier, dein Moment auf dem Dach, ist schließlich auch nichts anderes. Und ein Blick nach links zeigt auch genau das: da sind Kisten und Fässer aneinander gestapelt, bilden eine nicht ganz so naturgetreue Nachbildung eines Drachenbeins und sehen so aus, als würden sie jeden Moment in sich zusammenfallen. Aber du hast es nach oben geschafft und du weißt schon jetzt, dass das nicht das letzte Mal sein wird. Den Gesichtern vor dem Haus nach zu urteilen, wissen deine Eltern das auch.Du bist sechzehn, als du zum ersten Mal so wirklich realisierst, dass ein Drachenreiterdasein nicht nur auf der Sonnenseite stattfindet. Du stehst neben deiner Schwester, hast die Hände zu Fäusten geballt und drückst die Fingernägel in deine Handfläche. Du bemühst dich, deinen Blick ausdruckslos zu lassen, die Tränen, die hinter deinen Augen brennen, für dich zu behalten, weil du genau weißt: das gehört sich so. Das muss so. Weinen ist ein Zeichen von Schwäche. Trauer ist ein Zeichen von Schwäche. Und wenn du in ein paar Jahren auf einem Drachen sitzen möchtest, darfst du keinesfalls schwach sein, ganz egal was passiert. Egal, wie sehr deine Welt auf den Kopf gestellt wird – denn an diesem Tag passiert genau das. Es ist die Beerdigung deiner Großmutter. Der letzte Abschied. Und irgendwie, zumindest für dich, auch das Ende einer Ära. Sie war schließlich immer eine Art Vorbild für dich. Hat große Fußabdrücke zurückgelassen, in die du eines Tages auch passen wirst (nicht willst, nicht kannst). Und jetzt ist sie fort, für immer. Und du stehst hier und versuchst stark zu sein, merkst aber, wie schwer es dir fällt. Du kannst deine Gefühle nicht einfach unterdrücken. Kannst sie nicht abschalten, sie nicht einfach in eine Kiste packen und irgendwo in der hintersten Ecke deines Ichs verstecken. Was du kannst, ist, dich auf den Druck in deinen Handflächen zu konzentrieren, anstatt auf den hinter deinen Augen. Du kannst deinen Körper versteifen, um das Beben einer Schultern zu verhindern und du deinen Blick auf einen Punkt vor dir fixieren, um so wenig wie möglich um dich herum mitzubekommen. Und was du noch lernen kannst (und wirst) ist das Aufbauen einer mentalen Mauer, hinter der du all die negativen Gefühle künftig verstecken kannst.Du bist einundzwanzig und genau dort, wo du hingehörst. Am Basgiath War College. Frisch ernannte Staffelführerin. Und auf dem Rücken eines Drachen, Valdrie, die Arme genauso ausbreitend, wie vor elf Jahren auf dem Dach deines Elternhauses. Der Wind weht dir um die Ohren, spielt mit ein paar losen Strähnen deines Haares und bläst die negativen Gedanken aus deinem Kopf. Lässt dich wenigstens für einen Moment deinen Kummer vergessen, deinen Frust, deine Ängste. Lässt dich vergessen, dass du beinahe deine Schwester verloren hättest und dass du ihn verloren hast, obwohl er noch immer da ist. Hier oben, weit über dem Erdboden und mit dem BWC irgendwo hinter dir spielt es keine Rolle, dass du deine Gefühle noch immer nicht einfach abschalten kannst, auch wenn du sie mittlerweile besser zu überspielen weißt. Hier oben merkst du am deutlichsten, dass du nicht mehr das zehnjährige Mädchen auf dem Dach bist. Oder das Mädchen, das sich bei zu großem Kummer kleine Halbmonde in die Handflächen drückt. Hier oben, in diesem Moment, spielt nur die Gegenwart eine Rolle. Und in dieser Gegenwart sind deine Füße schon ein ganzes Stück in die Abdrücke deiner Großmutter hineingewachsen.

Fliegerin
23 Jahre alt
Stolz liegt in deinem Blick, während du die Worte schreibst. Ein Brief an deine Eltern, einer von vielen, die schon waren noch von weiteren, die noch folgen werden. Du hast ihnen niemals versprochen, ihnen jede Woche oder wenigstens einmal im Monat zu schreiben und das hast du auch noch nie in dieser Häufigkeit und Regelmäßigkeit getan, doch ist es dir wichtig, den Kontakt zu ihnen aufrecht zu erhalten. Du möchtest sie über Dinge informieren, die in die in deinem Leben passieren – die großen, wichtigen Ereignisse, nicht dass du etwa in einer bestimmten Unterrichtsstunde geglänzt hättest – und nun gibt es ein solches Ding. Eine Neuigkeit, die es in deinen Augen wert ist, ihnen mitzuteilen, immerhin wurdest du zur Schwingenführerin ernannt. Befördert. Ein großer Schritt für eine Kadettin wie dich, ein kleiner Schritt jedoch nur, wenn man die großartige Karriere betrachtet, die vor dir liegen könnte. Die Karriere, auf die deine Eltern dich schon in deiner Kindheit vorbereitet haben, die sie mit großer Gewissheit für dich, so wie für deine Geschwister, anstrebten, auch wenn sie es in dieser Form nie laut ausgesprochen haben.

Du kannst dich noch genau an deinen ersten Tag an der Cliffsbane Akademie erinnern. Eine junge Rookie, nicht ganz so unerfahren und untrainiert, wie viele andere, doch auch niemand, der die Weisheit mit Löffeln gegessen hätte. Die Wahl deines Quintanten lag ganz bei dir, wurde dir niemals in irgendeiner Form von deinen Eltern eingeredet und du wusstest immer, dass sie nicht weniger stolz auf dich wären, würdest du dich für einen akademischen Quintanten entscheiden. Bei deiner Ankunft war deine Tasche gefüllt mit Gebäck, hauptsächlich Zimtschnecken, die du am Vortag mit einer befreundeten Bäckerin zubereitet hast. Zu viele für dich allein, weil du nicht gut darin warst, abzuschätzen, wie viel du tatsächlich als Reiseproviant brauchen würdest – doch ausreichend, um sie bei deiner Ankunft in deinem neuen Zuhause zu verteilen. An diesem Tag hättest du nicht im Traum daran gedacht, dass die meisten jener, mit denen du deine Leckereien geteilt hast, in den folgenden Wochen schon zu deinen wichtigsten Bezugspersonen werden würden. Zu deinen besten Freundinnen.

Du bist nicht mehr die junge Frau von vor zwei Jahren. Bist nicht mehr die Person, die anderen eine Zimtrolle hinhält und beschließt, dass diese anderen zu ihren Freunden werden könnten (okay, zugegeben: würdest es auch heute noch tun, nur vielleicht etwas weniger unüberlegt). Das Training, das du schon während deiner Kindheit absolviert hast, wurde während deiner Ausbildung intensiviert, ausgeweitet. Aus der Tochter von Militärangehörigen ist selbst ein Mitglied des Militärs geworden – und zwar keines, das in der Hierarchie ganz unten steht. Etwas, das für dich aber auch nichts Schlimmes wäre. Der Ehrgeiz der letzten Jahre hat sich ausgezahlt, dein neuer Rang ist die Belohnung dafür. Nicht die erste und hoffentlich auch nicht die letzte. Aus dem Mädchen, das schon morgens durch die Straßen von Resson gelaufen ist, ist eine Fliegerin geworden. Stolz auf sich selbst und auf ihren Greifen. So stolz, dass sie dieses Gefühl mit den Menschen teilen will, denen sie nicht wenig davon zu verdanken hat: ihre Eltern.

Fliegerin
21 Jahre alt
Da ist ein Blitzen in deinen Augen, deine Mundwinkel sind zu einem schiefen Grinsen verzogen. Es ist nicht schwer, bei diesem Blick auf den Gedanken zu kommen, dass du irgendeinen Unfug im Kopf hast, vielleicht sogar schon daran arbeitest, auf dem Weg bist, ein paar Pferde zu stehlen und ans Ende der Welt zu reiten. Nichts, was du schon einmal gemacht hättest. Doch nichts in deinem Gesicht gibt einen Hinweis darauf, wo du herkommst oder was du bereits erlebt hast. Da ist keine Spur mehr von dem siebenjährigen Mädchen, das nach dem Tod ihrer Mutter auch noch ihren Vater verloren hat; das von heute auf morgen komplett auf sich allein gestellt war und jeden Tag aufs Neue sehen musste, wie es überlebt. Wo es was zum Essen herbekommt. Und bald sogar, wo es einen Platz für die nächste Nacht findet, weil das Haus, in dem es aufgewachsen ist, keine Option mehr war. Wenn du je etwas gestohlen hast, dann war es Nahrung, dann war es das Geld aus den Taschen unachtsamer Menschen.

Das Leben war nicht immer nett zu dir – aber auch nicht immer scheiße. Es hat dir Menschen genommen, aber auch Menschen gegebene. Hat dich auf der Straße nicht mehr allein sein lassen, eine neue, zweite Familie finden lassen, dich irgendwie zum ersten Mal richtig ankommen lassen, obwohl das alles vielleicht nicht die Art von Leben war, in dem man wirklich ankommen wollen sollte. War nicht immer alles Sonnenschein, hat oft geregnet, im wahrsten Sinne des Wortes, und nicht immer war das Dach über deinem Kopf dicht. Nicht immer hat es sich dabei wirklich um ein Dach gehandelt. Ihr habt euch gemeinsam durchs Leben gezogen, du hast gelernt, anderen zu vertrauen und dass du dich auch auf sie verlassen kannst und dass das Leben, wie du es mit deinem Vater geführt hast, absolut nicht perfekt war. Und nicht normal, nicht familiär. Im Kreise deiner Freunde, deiner neuen Familie, spielten die anderen Umstände deines Lebens mit der Zeit eine immer kleinere Rolle. War gar nicht mehr so wichtig, ob ihr auf der Straße gelebt habt oder auf einer Farm, zwischen Tieren, Heu und realer Scheiße, um die ihr euch dann auch noch zu kümmern hattet. Wichtiger war, dass ihr einander hattest. Dass du die anderen hattest; Menschen, denen du etwas bedeutest, die dich nicht verlassen würden. Menschen die –

dir schließlich auch genommen wurden. Nur anders, nicht durch Krankheit oder Verbrechen.

Mit ihnen wurde dir eine große Portion deines Vertrauens genommen. Oder: der Mut dafür, dieses Vertrauen wieder in andere Menschen zu stecken, während die Angst gestärkt wurde, wieder verlassen zu werden, wieder allein zurück zu bleiben. In den letzten Jahren hast du vor allem diesem einen Jahr entgegengefiebert. Dem Jahr, in dem du vielleicht etwas aus dir würdest machen können, in dem du aber auch die anderen hoffentlich wiedersehen würdest. Erinnerst dich schließlich noch dran, als wäre es gestern gewesen, dass ihr über die Cliffsbane Akademie gesprochen habt. Davon, die ganze Scheiße hinter euch lassen oder doch wenigstens gegen andere Scheiße eintauschen zu können. Feste Mahlzeiten, ein festes Dach über dem Kopf. Dem Königreich dienen, das dir selbst bisher noch nicht viel Gutes getan hat. Und das alles auf dem Rücken eines Greifen, auf dem du vielleicht auch ans Ende der Welt fliegen könntest. Oder zumindest ins nächste Abenteuer, in ein neues Leben.

Schriftgelehrte
29 Jahre alt
Es wäre leicht gewesen, einfach den Weg zu gehen, den andere für dich ausgesucht haben. Es wäre leicht gewesen, deinen Eltern das Denken und deine Lebensplanung zu überlassen und einfach zu tun, was von dir erwartet wird. Was sie sich von dir oder für dich (oder beides) gewünscht haben. Aber leicht wäre in diesem Fall nicht auch der Weg des geringsten Widerstandes gewesen. Ganz im Gegenteil: der leichte Weg hätte den wahrscheinlich größten Widerstand bereits auf den ersten hundert Metern, direkt am ersten Tag, mit sich gebracht. Und auch, wenn die Menschen doch immer wieder sagen, dass man einfach auf sein Herz hören solle, war es alles andere als leicht, am Ende genau das das zu machen. Deine Eltern wollten ein besseres Leben für ihren Nachwuchs. Wollten, dass ihre Kinder mehr erreichen, als ein Leben in Back- oder Waschstuben, und ignorierten dabei all die Gefahren, die der Wunsch von Drachenreitern mit sich brachte. Du wusstest, wie enttäuscht sie sein würden, wenn du dich gegen ihre Pläne entscheiden würdest und hast dich trotzdem für den Quadrant der Schriftgelehrten am Basgiath War College eingeschrieben; und nicht, wie es der eigentliche Plan war, für den Reiterquadranten. Dabei hast du den Wunsch, noch ein paar weitere Tage, Monate oder Jahre auf diesem Planeten verbringen zu können, doch eigentlich nur vor den Wunsch gestellt, deine Eltern stolz zu machen. Was hätte es euch allen auch gebracht, wenn sie zwar stolz, aber eben auch schnell mit einem Kind weniger gewesen wären?

Es war vielleicht das erste Mal (oder eines der ersten Male), dass du dich so richtig für dich und deine Wünsche entschieden hast, deinen eigenen Kampf gekämpft hast, anstatt die Dinge zu tun, die von dir erwartet wurden – doch es sollte definitiv nicht das letzte Mal bleiben. Bei den Schriftgelehrten bist du zu der Person geworden, als die du dich schon früher viel lieber gesehen hast. Konntest lernen, dir mehr Wissen aneignen und später sogar anfangen, dieses Wissen an andere weiterzugeben. Trotz der zumeist ruhigen Gemüter in diesem Quadranten war es vor allem die Zeit in der Ausbildung, in der du angefangen hast, dich selbst zu finden. Herauszufinden, was du eigentlich für ein Mensch bist und zu erkennen, dass die Kämpferin, zu der du immer erzogen werden solltest, eben wirklich nicht in dir steckt. Du bist besser im Umgang mit Worten als mit Fäusten oder Waffen, kannst dir nicht einmal selbst vorstellen, jemand anderem Schaden zuzufügen und hoffst auch immer wieder insgeheim, dass man dich nicht eines Tages aus den sicheren Gemäuern der Archive in eine Situation katapultiert, in der genau das dann doch passieren könnte. Oder müsste.

Flieger
26 Jahre alt
Dein blondes Haar liegt nur selten wirklich ordentlich auf deinem Kopf, Es ist zerzaust, wenn du morgens aufstehst und meist nur einmal mit der Hand durchfährst und es ist auch immer noch zerzaust, wenn dein Kopf irgendwann am Abend, oftmals erst in der Nacht, zurück zu deinem Kissen findet. Und es ist in all den Momenten dazwischen zerzaust, war es schon immer und wird es wahrscheinlich auch immer sein – mit dieser einen, kleinen Ausnahme. Man könnte meinen, der Kamm, der sich zwischen deinen Sachen findet, existiere nur für die Besuche, die du bei deinen Eltern machst. Man könnte meinen, einer von ihnen, wahrscheinlich deine Mutter, hätte gar keinen so großen Gefallen an diesem Durcheinander auf deinem Kopf, wie so manch andere vielleicht. Und man könnte damit durchaus richtig liegen. Du hast selbst heute noch ihre Stimme in den Ohren, die Worte, mit denen sie sich darüber beschwert hat, dass dein Haar immer so unordentlich wirke und deine Mundwinkel verziehen bei diesem Gedanken auch heute noch zu diesem Grinsen, das du ihr damals bei diesen Worten immer zugeworfen hast. Weißt genau, dass sie es nie so meinte, nicht wirklich negativ, sondern dass es ihr anders eben nur einmal lieber gewesen wäre. Und ihr beide wisst genau, dass es wirklich nur sie ist, für die du diesen Kamm zückst, kurz bevor du vor der Tür deiner Eltern stehst. Weil das Lächeln auf ihrem Gesicht dir mehr bedeutet als das haarige Chaos.

Du wirkst immer irgendwie wie ein Wildfang, wenn man dich nur ansieht. Mit diesem Zottelhaar und dem schelmischen Grinsen auf deinem Gesicht. Mit dem verräterischen Blitzen in deinen Augen und dieser Ausstrahlung, die andere problemlos annehmen lässt, dass du etwas ausheckst, wenn du einfach nur einen Moment lang ruhig bist, nachdenkst. Du wirkst du – und irgendwie warst du es auch schon immer. Während deiner Kindheit noch viel mehr als heute, da hast du deine Grenzen ausgetestet, hast gewusst, dass es davon unterschiedliche Sorten gab. Die deiner Eltern, die des Königreichs und ganz viele dazwischen. Du hast deine Freunde davon überzeugt, mit dir zu gehen, hast ihnen die Flausen eingepflanzt, die du in deinem Kopf entwickelt hast und doch war das schlimmste, das ihr damals getan habt, ein kleiner Ausritt auf den Kühen der Nachbarn. Ohne zu fragen, ohne eine Erlaubnis, aber auch ohne Verletzungen. Sogar die Tiere kamen danach sicher zurück in ihren Stall. Heute würdest du so etwas nicht mehr tun. Brauchst keine Kuh, wenn du einen Greifen hast, brauchst keinen täglichen Unfug, keine immer größeren Herausforderungen, einfach weil du's könntest. Du wägst Risiken heute besser ab, denkst oft genug daran, dass die Zellen in deinem Kopf nicht nur zum Ausdecken irgendwelchen Unsinns existieren und dass du sie durchaus auch einmal aktivieren solltest, bevor du einem Bauchgefühl nachgibst.

Warst es schon immer, der die anderen zu irgendwelchen Dingen anstiften konnte, doch warst es auch genauso immer wieder du, der am Ende dafür gerade stand. Sogar allein dafür gerade gestanden hätte, wenn der Rest es zugelassen hätte. Es liegt nicht in deiner Natur, andere die Scheiße graben zu lassen, in die du sie geritten hast. Ist etwas, das dir schon deine Eltern vorgelebt haben und etwas, das dir selbst dadurch schon früh beigebracht wurde. Du weißt genau, wann du einen Fehler gemacht hast oder wann du zu weit gegangen bist. Weißt, dass nicht jeder die Dinge immer genauso sieht, wie du es tust und dass etwas, das in deinem Kopf wie eine lustige Idee klang, einem anderen aber genauso gut vor den Kopf stoßen könnte. Denn auch, wenn du oftmals vielleicht wirkst wie jemand, der mit nicht allzu vielen Gedanken über seine Umwelt durch's Leben kommt, so bist du doch genau das. Deine Mitmenschen sind dir wichtig, würdest für die wichtigsten von ihnen durchs Feuer geben oder erneut von Klippen springen – und gleichzeitig auch dein Leben in ihre Hände legen.

Reiter
21 Jahre alt
i. Mit großen Augen siehst du ihr dabei zu, wie sie auf dem Stamm eines umgefallenen Baums balanciert. Beobachtest, wie sie fast schon drüber hinwegrennt, obwohl du genau weißt, dass es leichter aussieht, als es ist. Zumindest für dich. Letzte Nacht hat es geregnet, das Holz ist nass und rutschig, das weißt du auch, ohne darauf auszurutschen. Weißt genauso gut, dass es dir passieren würde, wie du weißt, dass es ihr nicht passieren wird. Nicht nur, weil sie das schon ein paar Mal gemacht hat, nicht nur, weil sie ganz andere Schuhe trägt als du, sondern weil du absolutes Vertrauen in sie hast. Natürlich, sie ist schließlich deine große Schwester, sie kann alles. Du weißt, dass das natürlich nicht ganz stimmen kann, dass es auch Sachen gibt, die Iris nicht schaffen würde, die auch für euren Bruder eine Nummer zu groß sein werden, aber für dich wirkt es trotzdem manchmal so – weil so viele Dinge für dich selbst schon eine Nummer zu groß wirken. Oder zwei. Es ist eine Ausnahme, dass du heute hier bist, normalerweise bist du um diese Zeit bei deiner Mutter. Hilfst ihr bei der Arbeit, lässt dich nach und nach bereits in die Welt einführen, die sie einst für sich gewählt hatte. Schriftgelehrte, die Welt der Bücher, des Wissens, der Recherche – kannst gar nicht leugnen, dass dich das alles fasziniert, doch kannst in diesem Moment genauso wenig leugnen, dass die Balance deiner Schwester dich ebenfalls fasziniert. Als sie das Ende vom Stamm erreicht, fragt sie, ob du auch mal willst. Hält bei den ersten Schritten sogar noch deine Hand, läuft neben dir her, wirkt nur ein wenig ungeduldig, weil du es nicht in ihrem Tempo schaffst. Nach der Hälfte rutschst du schließlich doch aus, fällst vom Stamm und auf dein Knie. Der Schmerz ist stark genug, um dir Tränen in die Augen zu treiben, doch ist's kein Trost, der von deiner Schwester kommt. Kein Wort zu deinen Schmerzen, dafür die Erklärung, dass es beim nächsten Mal nicht leichter wird, wenn du jetzt weinst – war wohl vor allem die Verwirrung, die deine Tränen in diesem Moment direkt versiegen lassen hat. Deine Mutter hätte anders reagiert, das weißt du. Dein Vater, dein Bruder, so gut wie jeder andere auch, aber du weißt genauso gut: normal ist bei Iris etwas anders. Und die Logik in ihren Worten war unbestreitbar.

ii. Dein Bruder hat eine Freundin, spricht von großer Liebe und Hochzeit, deine Schwester hat einem Jungen die Nase gebrochen – und wenn du das Mädchen neben dir ansiehst, verspürst du weder den Drang zu Gewalt, noch den Wunsch einer gemeinsamen Familie. Adelaide ist bereits seit einigen Jahren deine beste Freundin und seit kurzem sogar ein bisschen mehr. Deine erste feste Freundin, doch das mit euch ist alles irgendwie ganz anders, als die Sache bei deinem Bruder. Während die beiden oft nur durch eine Brechstange voneinander zu trennen zu sein scheinen, müsste man euch beide wohl zusammenbinden, damit auch ein Außenstehender sieht, dass ihr zusammengehört. Du magst sie wirklich gern, aber das hast du ja schon immer. Du hältst gern ihre Hand, eure ersten Küsse waren irgendwie komisch und wenn du deinen Arm um sie legst, dauert es gar nicht lang, bis sie sich daraus löst und einen Schritt zur Seite macht. Es gibt Momente, in denen sich nichts anders anfühlt als in den vergangenen Jahren und dann gibt es diese Momente, in denen du sie dabei beobachtest, wie sie sich auf irgendetwas konzentriert und sie dabei einfach nur wunderschön findest. Sind diese Momente, in denen du dir klar machst, dass nicht jede Beziehung wie die deines Bruders sein kann. Dass Adelaide und du nicht dein Bruder und seine Freundin seid, dass deren normal nicht euer normal sein muss. Und es gibt ein paar dieser Momente, bevor ihr über euch, über eure Beziehung sprecht – und bevor dir nicht nur bewusst wird, dass ihr als beste Freunde einfach besser dran seid, sondern, dass du auch einfach nicht der bist, den sie an ihrer Seite braucht. Nicht der und auch nicht das richtige.

iii. Das Stück Papier in deiner Hand ist knittrig, hast es bereits ein paar Mal in deiner Hand zerknüllt, bevor du es wieder glatt gestrichen hast. Die Worte darauf noch einmal gelesen hast. Und dann noch einmal. Es ist der erste und gleichzeitig auch der letzte Brief, den Iris euch geschickt hat. Das letzte Mal, dass du etwas von deiner Schwester gehört hast. Gelesen. Es ist nun über ein Jahr her, dass du dich von ihr verabschiedet hast und es verging seitdem kaum ein Tag, an dem du nicht erleichtert warst, weil diese Meldung ausblieb. Sie hat sich für den Reiterquadranten entschieden, ist den Weg gegangen, auf dem sie vor Jahren schon auf diesem nassen Baumstamm trainiert hat und hat es wirklich geschafft. Ein Jahr lang. Ein Monat. Und fünfzehn Tage. Der Brief, der vor zwei Tagen bei euch eintraf, gerade einmal eine Woche nach dem Brief in deiner Hand, ist Schuld daran, dass du nun hier stehst. Neben deinen Eltern, auf eine Flamme starrend, die nur einen Sinn hat: die zurückgebliebenen Habseligkeiten deiner Schwester zu verbrennen, ganz so, wie es sich gehört. Deine Eltern haben all ihre Sachen zusammengetragen, keines eurer Gesichter ist trocken, während ihr zuseht, wie die letzten Sachen zu Asche zerfallen, nach und nach vom Wind weggetragen werden. Niemand von euch schenkt dem Blatt in deiner Hand eine besondere Beachtung, niemand denkt daran, dass der ja eigentlich auch von ihr ist, denn: sie hat ihn vielleicht geschrieben, aber nun gehört er dir. Wird das einzige bleiben, was dir, abgesehen von deinen Erinnerungen, von deiner Schwester bleibt. Ein Mahnmal daran, wie schnell alles vorbei sein kann und wie unberechenbar das Leben doch ist. Oder Malek.

iv. Heute bist du genau dort, wo Iris selbst schon war. So weit in etwa, wie sie selbst es geschafft hat. Dein zweites Jahr am Basgiath War College hätte das erste sein sollen, das du ohne deine Schwester verbringst, stattdessen wird es das Jahr, in dem du älter als deine Schwester sein wirst. Du weißt, dass sie ein paar der Erfahrungen, die du im vergangenen Jahr gesammelt hast, selbst gemacht haben wird. Das Training, der Gauntlet, das Dreschen. Weißt, dass sie im gleichen Unterricht gesessen hat, wie du, dass sie vielleicht sogar auf dem gleichen Platz gesessen haben könnte – und dass für sie wahrscheinlich gleichzeitig alles ganz anders war, als für dich. An keinem einzigen Tag in deinem ersten Jahr hast du versucht, in ihre Fußstapfen zu treten, weil du zum einen gar nicht wusstest, wo diese waren, und zum anderen, weil ihr Leben nicht zu deinem werden sollte. Genauso wenig wie ihr Schicksal, sei es nun direkt oder indirekt, durch den eigenen Tod oder den einer Person, die dir wichtig ist. Eine Person, die ihr schon immer ähnlicher war als irgendjemand sonst. Du warst von Anfang an keiner der besonders herausstechenden Kadetten, doch warst du auch nie jemand, der sich von den Topkadett:innen hat abhängen lassen. Immer auf der Überholspur, doch immer ein wenig zu langsam, um wirklich zu überholen. Du hast das Dreschen überlebt, dein erstes Jahr. Du hast dein Herz verschenkt und eine Frau gefunden, mit der du wirklich glücklich bist. Eine Frau, von der dich manchmal selbst nur eine Brechstange lösen könnte, mit der du dir wirklich eine gemeinsame Zukunft vorstellen könntest. Irgendwo im Dienst des Königreichs, in der gleichen Staffel mit ihr und deiner besten Freundin, weil ihre Drachen aneinander gebunden sind. Ihr beide und deine beste Freundin, für die du nicht die richtige Person in einer Beziehung warst, weil sie auf Frauen steht. Nun vermutlich sogar auf deine Freundin steht, wenn du sie richtig liest – und Adelaide zu lesen ist für dich nur selten leicht. Kein Grund zur Sorge, weil du weißt, dass Lethe dich liebt, so wie du sie liebst. Ist vielleicht alles nicht ideal, wird niemals die Art von Familie werden können, wie die, in der du aufgewachsen bist, weil ihr beide, Lethe und du, mit euren Drachen ans Militär gebunden seid, aber: gibt definitiv schlimmeres, das du dir vorstellen könntest. Schlimmeres, das du dir gar nicht erst vorstellen wollen würdest.

Reiter
31 Jahre alt
i. Du hast schon als Kind von ihnen gehört. Kennst die Sagen und Mythen, von denen vor allem deine Mutter immer wieder erzählt hat; manchmal als wären sie Teil einer Einschlafgeschichte, manchmal aber auch wie eine Art Drohung, wenn du einmal nicht hören wolltest. Es waren Geschichten, die schon sie als Kind gehört hat, dachtest du immer. War ja alles nicht weiter schlimm, weil sie ja nicht echt waren, nicht wahr? Dachtest du zumindest immer, bis jetzt. Dein Bruder sitzt dir gegenüber, er ist schon seit einer Weile mit der Ausbildung zum Drachenreiter fertig, dir steht sie gerade noch bevor. Doch es sind keine besonderen Tipps, die er dir für diese Zeit mit auf den Weg geben will. Sind keine Tricks, mit denen du es einfacher über den Viadukt oder in deiner Staffel schaffen könntest. Sind keine Erfahrungen, die er mit dir teilen will – oder zumindest nicht solche, wie du sie dir erhoffst. Veneni und Wyvern sind echt. Die Worte hängen zwischen euch, ganz frisch ausgesprochen, aber wie es scheint noch nicht wirklich angekommen. Er sieht dich ernst an, du schaust verwirrt, willst ihm eigentlich gar nicht glauben. Doch da ist etwas in seinem Blick. Da klingt etwas in der Stimme deiner Mutter nach, immer wenn sie von diesen Mythen erzählte. Da ist diese kleine Alarmglocke in deinem Kopf, die dich davon abhält, diese Worte einfach als dämlichen Scherz abzutun. Die Worte dringen weiter in deinen Kopf, erreichen die hintersten Zellen deines Hirns und mit dem Verstehen, mit dem Glauben kommt noch eine Erkenntnis: ihr werdet belogen. Deine Familie, alle Familien, das ganze Land. Die Frage ist nur: wieso? Wäre doch sinnvoller, euch alle auf die Wahrheit vorzubereiten. Eigentlich.

ii. Dein Blick ist wachsam, deine Körperhaltung angespannt. Ist nicht das erste Mal, dass du dich in dieser Situation wiederfindest und trotzdem ist es nichts, in das du mit Leichtigkeit gehst. Ohne Vorsicht, ohne zu vergessen, dass ihr vielleicht alle mal im Sand gespielt habt, aber auf verschiedenen Seiten der Grenze. Vor dir stehen zwei poromische Flieger, direkt zwischen ihren Greifen, während neben dir ein weiterer Reiter steht, in euren Rücken eure Drachen, die eure Gegenüber genau im Blick behalten. Ihr wechselt ein paar Worte, du holst dir ein paar Informationen darüber ein, wie es drüben aussieht, obwohl du dich doch gerade selbst dort befindest. Auf der anderen Seite der Grenze. Außerhalb des Schutzschildes. Auf poromischem Boden. Die Waffen, die ihr mitgebracht habt, wechseln ihre Besitzer und es fallen noch ein paar weitere Worte, bevor du dich abwendest, zurück zu Udys gehst. Dein Drache lässt in seiner Aufmerksamkeit nicht nach, wartet ruhig, bis ihr sicher auf euren Drachen sitzt und die Flieger auf ihren Greifen sitzen, bevor er abhebt, dich zurück Richtung Heimat fliegt. Dorthin, wo du eigentlich hingehörst. Dorthin, wo du diese Waffen herbekommst, wo du seit deiner Ausbildung stationiert bist. Aber du weißt: das hier wird nicht das letzte Treffen gewesen sein. Weißt, dass du in ein paar Wochen wieder vor Fliegern stehen wirst. Spätestens.

iii. Du stehst ganz still, zu deinen Füßen hebt sich der Staub der Trümmer, die um dich herum liegen. Kaum zu glauben, dass du einmal in diesem Haus aufgewachsen bist. Dass du hier gelernt hast, wie man läuft und spricht und zum ersten Mal auf so etwas wie einem Drachen gesessen hast – damals jedoch noch aus Holz, viel zu leicht entflammbar für das Wesen, das sich letztendlich wirklich an dich gebunden hat. Oder dich an sich, darüber könnte man sich wahrscheinlich streiten. Aber nicht jetzt, nicht hier, wo du zum ersten Mal vor deinem zerstörten Elternhaus stehst. Ist nicht das einzige, das die Schlacht von Aretia nicht überlebt hat; die Menschen, die darin noch lebten, haben es aber glücklicherweise rausgeschafft. Dein Bruder Thornak sei Dank. Doch nur, weil sie Glück hatten, gilt das nicht für alle Bewohner:innen dieser Stadt – und der Gedanke daran lässt die Wut in dir wachsen. Auf das Königreich, dem du dienst. Auf das Militär, dessen Befehle du in der Regel auszuführen hast. Und auf dich selbst, weil du dich tatsächlich von deiner Heimatstadt ferngehalten hast, als andere Teile Navarres es nicht taten. Es war Glück im Unglück für dich, dass du zu weit entfernt warst, zu spät von diesem Angriff erfahren hast. Glück, weil du damit keine Befehle missachten musstest. Unglück, weil du deine Heimat nicht retten konntest.

iv. Es kommt dir vor, als würde dir der Atem stocken. Als würde dein Herz kurz aussetzen. Du musst ein paar Mal blinzeln, um dich zu vergewissern, dass das kein Traum ist – aber es hilft alles nichts, das hier ist die Realität. Ist sie, die da vor dir steht. Sie, die du das letzte Mal vor fünf Jahren gesehen hast. Sie, mit der du einmal in einer Staffel gewesen bist, mit der du bereits deine Ausbildung bestritten hast. Sie, die dich einfach immer wieder so unendlich genervt hat. Angekotzt hat. Und herausgefordert hat. Ist aber auch vor allem sie, deren Anblick augenblicklich ein paar längst verdrängte Bilder zurück in deinen Kopf jagt. Bilder von Veneni, von Wyvern, von kämpfenden Reitern und Fliegern, Seite an Seite. Und von ihr, wie sie verletzt am Boden lag, obwohl sie nicht einmal annähernd in deiner Nähe sein sollte. Ihr hättet sie dort lassen, sie ihrem Schicksal überlassen sollen (wäre vielleicht wirklich am einfachsten gewesen), aber ihr habt euch um sie gekümmert, sie zurück zu eurem Stützpunkt gebracht. Und während dein Bruder anbot, ihr Gedächtnis zu löschen, warst du es, der sich für eine einfache Lüge entschied. Missglückter Einsatz ihrer Siegelkraft, dabei auf den Kopf gefallen. Alles ziemlich blöd gelaufen. Vor vorher. Mit der Lüge. Und damit, dass sie nun wieder in deiner Staffel gelandet ist.

Reiterin
20 Jahre alt
i. Du bist nervös, versuchst es dir jedoch nicht anmerken zu lassen. Bemühst dich, still zu stehen, nicht auf den Füßen zu wippen und auch nicht mit den Fingern zu wackeln. Heute steh er vor dir, lässt seinen wachsamen Blick über deine kleine Gestalt wandern, betrachtet deine Haltung ganz genau und braucht keine zwei Minuten, bis er dir die ersten Anweisungen zur Korrektur gibt. Füße weiter auseinander und niemals die Verteidigung vergessen und du befolgst sie beide augenblicklich. Weißt das eigentlich schon längst, normalerweise denkst du dran und das Zucken seiner Mundwinkel verrät dir, dass er weiß, dass du das weißt. "Vergiss niemals, dass dein Freund morgen schon zu deinem Feind werden könnte, Atlas.", warnt er dich mit ruhiger Stimme und du nickst. Dein Vater weiß schließlich, wovon er spricht, hat selbst Freunde auf der anderen Seite zurückgelassen, wurde für sie zu dem Feind, vor dem er dich nun warnt. Er ist derjenige, der nicht müde wird, dir eines immer wieder einzubläuen: sicher ist sicher Und er ist auch derjenige, auf den es zurückzuführen ist, dass du bereits vor ein paar Jahren deine erste Trainingsstunde hattest. Dass du auch jetzt regelmäßiges Training im Nahkampf erhältst, von deinen Eltern, mit deinem Bruder, von anderen aus eurem Umfeld, denn als Tochter zweier Offiziere soll deine eigene, militärische Laufbahn natürlich abgesichert werden.

ii. Deine Hand umschließt den Stein so fest, wie sie nur kann. Deine Fingernägel graben sich in deine Handinnenflächen, hinterlassen kleine Halbmonde in deiner Haut, doch du spürst den Schmerz kaum. Dein Blick ist starr nach vorn gerichtet, auf ihre Gesichter, damit beschäftigt, sich jedes noch so kleine Detail einzuprägen. Du glaubst nicht, dass du sie jemals vergessen wirst, es überhaupt könntest, doch du weißt: sicher ist sicher. Und das hier ist die letzte Chance, die du bekommst. Der letzte Blick auf die Lachfalten, die seine Augen umspielen, oder auf die Sommersprossen in ihrem Gesicht. Traust dich nicht zu blinzeln, nicht einmal, als das Drachenfeuer schließlich über sie hinwegfegt und die Hitze nicht nur in deinem Gesicht brennt. Du schaffst es nicht – und als du deine Augen wieder öffnest, ist da nur noch Staub. Asche, wo deine Eltern eben noch standen. Und ein Brennen auf deinem linken Arm, dessen Hand noch immer den Stein hält; so fest, als wäre er dein letzter, dein einziger Halt. Dein Blick wandert zu dieser Stelle, du erwartest halb, nun selbst in Flammen zu stehen – doch sind keine Flammen, die du dort siehst, auch kein Rauch. Es sind dunkle Linien, die sich an deinem Arm entlangziehen und, nach den überraschten Geräuschen um dich herum, nicht nur bei dir erschienen sind. Verstehst es nicht sofort, aber das ist okay. Du verstehst an diesem Tag sowieso nicht viel. Verstehst nicht, wie das alles so plötzlich passieren konnte, wie ihr hier landen konntet. Dein Bruder an deiner Seite, deine Eltern – weg. Das einzige, was du wirklich verstehst, ist, dass dieser Tag mehr Veränderungen mit sich bringt, als dir lieb ist. Veränderungen, wobei keine einzige von ihnen wir überhaupt wirklich lieb ist. Oder sein wird.

iii. Nackte Füße schleichen über kalten Boden, halten bei jedem noch so kleinen Geräusch einen Moment lang inne. Du traust dich nicht, deine Schuhe bereits im Haus zu tragen, befürchtest, damit zu laute Schritte zu verursachen und jemanden auf dich aufmerksam zu machen – dabei weißt du nicht einmal, ob das wirklich etwas Schlimmes wäre. Hast es nie probiert, nie provoziert, weil du das Risiko nicht eingehen wolltest. Sicher ist sicher, hallt die Stimme deines Vaters in deinem Kopf wider, gefolgt von einem Kloß, der sich in deinem Hals festsetzt. Wie immer, wenn du an ihn denkst. Oder an deine Mutter, deinen Bruder. Du schließt die Augen, atmest einmal tief durch, bevor du die letzten Meter zurücklegst, hinaus aus dem Haus, in dem du nun dein Dasein fristest und hinein in das schwache Licht der aufgehenden Morgensonne. Es ist eine Art Ritual für dich geworden, noch vor Sonnenaufgang zu trainieren. Laufen zu gehen, gegen Heuballen auf nahegelegenen Feldern (oder in deren Scheunen) zu kämpfen, alles zu geben, um deine Zukunft wenigstens noch ein wenig abzusichern. Bist längst nicht so fit, wie du es wahrscheinlich durch das Training mit deiner Familie geworden bist (oder wärst), aber komplett gehen lassen kannst und willst du dich nicht. Das hätte deine Familie genauso wenig gewollt, wie die Menschen, unter deren Dach du nun lebst, dein Training unterstützen wollen.

iv. Du wippst auf deinen Füßen vor und zurück, spielst an den Fingern deiner Hände und lässt deinen Blick immer wieder unruhig herumwandern. Über all die Köpfe derer, die hinter dir stehen, neben dir, vor dir. Und immer wieder hin zu der schmalen Steinbrücke, dem Viadukt, von dem gerade erst eine junge Frau gestürzt ist. Heute ist der Tag der Tage. Der Tag, auf den dein bisheriges Leben immer wieder ausgerichtet wurde, von dem dir insbesondere in den letzten Wochen immer bewusster wurde, dass er zu einer großen Wahrscheinlichkeit dein letzter werden könnte. Der letzte Tag deines Lebens oder auch der erste Tag vom Ende deines Lebens, mit jeder Minute dem Tod ein wenig näher. Du spürst einen missbilligenden Blick auf dir und für einen Moment fühlt es sich an, als wäre es der Blick deines Vaters, tadelnd dafür, dass du deine Nervosität so nach außen zeigst, doch das Gesicht, aus dem er kommt, ist wesentlich jünger, wesentlich unbekannter. Du fühlst dich schwach zwischen all den anderen Anwärter:innen, wie ein Niemand, sobald du einen Blick auf deinem Handgelenk spürst – und doch willst du gerade nirgendwo anders sein als hier, wo du, wenn du diesen kleinen Spaziergang schaffst, endlich auch deinen Bruder wiedersehen wirst. Dem letzten bisschen Familie, das du noch hast. Der größte Grund, der dich in den letzten Jahren angetrieben hat und neben der ganzen Ungewissheit wegen dem, was dich erwartet oder ob du es überhaupt über den Viadukt schaffst, vielleicht auch ein Grund für die Unruhe, die dich gerade umtreibt.

Reiter
22 Jahre alt
Viel ist nicht mehr übrig von dem kleinen Jungen, der voller Neugierde durch verschiedene Tempel geschlichen ist, anfangs nur als Mitbringsel deiner Eltern, die nicht nur zum Beten dort waren, sondern auch regelmäßig damit beschäftigt gewesen sind, im Namen der Götter etwas Gutes zu tun. Soweit du zurück denken kannst, haben die Götter in deinem Leben, in deiner Familie, immer eine besondere Rolle gespielt und aus Erzählungen weißt du, dass diese Rolle in den Generationen vor deiner sogar noch größer war. Es scheint so, als hätte deine Familie sich der Religion verschrieben, schon immer und für immer, nur dass dieser Schwur über die Jahre dermaßen ausgeblichen ist, dass es nicht deine komplette Kindheit und Jugend war, die du damit zubringen musstest, zu Dunne zu beten, um dann, wenn es soweit sein sollte, selbst zu einem mächtigen Krieger zu werden. Denn dass es soweit kommen würde, stand schon in deiner Kindheit genauso fest, wie dass deine Wochenenden damit gespickt wurden, jenen zu helfen, die es nicht so gut getroffen haben wie dich. Freiwillige Arbeit in Thornaks Tempel beispielsweise, um Kleidung oder Essen an jene zu verteilen, denen die Gesellschaft nicht so wohl gesonnen war, wie deiner Familie. Deinen Eltern war es immer wichtig, dass ihre Kinder die Dinge, die sie hatten, nicht für selbstverständlich hielten, dass sie all das zu schätzen wussten und auch lernten, dass nicht alles ihnen einfach so zufliegen wurde. Oft genug war deiner Mutter das dankbare Lächeln jener, denen hier geholfen habt, mehr wert, als irgendein materieller Dank es hätte sein können – und oft genug merkst du auch heute noch, dass ein solcher Blick dir ein genauso gutes Gefühl verschaffen kann, wie irgendeine Gegenleistung für deine Hilfe. Nur dass du mittlerweile gelernt hast, dass diese Selbstlosigkeit allein dich nicht immer weiterbringen kann. Es nicht tun wird.

Aus der unbeschwerten Leichtigkeit, mit der du die Tempel erkundet hast, wurde ein ernster, aufmerksamer Blick, mit dem du deine älteren Brüder bei deren Training beobachtet hast, wurde ein verbissenes Aufeinanderpressen deiner Kiefer, weil du sie selbst in genau diesem Training endlich genauso besiegen wolltest, wie sie es immer wieder mit dir taten. Die Kämpfe waren nicht fair, das war dir klar, doch die Beschwerde darüber durfte dir nicht über die Lippen kommen. Nicht, weil du für sie nicht zu einem weinenden Baby degradiert werden wolltest, aber vor allem auch nicht, weil dein Vater dir dann nie diesen stolzen Blick geschenkt hätte, den deine Geschwister immer wieder von ihm bekamen. Bist genau deswegen anfangs im Training auch viel lieber gegen deine Brüder als gegen deine jüngere Schwester angetreten, weil du bei ihnen alles geben konntest, während du ihr niemals weh tun wolltest. Aurora war schon immer so etwas wie deine Schwachstelle, dein Kryptonit – dass du dich im Training mit ihr vor allem in der Anfangszeit immer wieder zurückgehalten hast, hat dich nicht gerade im Ansehen deines Vaters steigen lassen.

Der Beitritt in den Reiterquadranten stand schon früh genauso fest, wie dass jeden Tag aufs Neue die Sonne wieder aufgehen würde. Das frühe Training hat dir wahrscheinlich bereits am Einberufungstag das Leben gerettet und dir in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren danach nicht nur den Respekt deiner Mitkadett:innen eingebracht, sondern auch schnell dafür gesorgt, dass die Führungsriege dich so auf dem Schirm hatte, wie du es dir von deinem Vater immer gewünscht hast. Als Rookie hast du dich in den Herausforderungen blenden geschlagen, als Junior wurdest du zum Staffelführer, um jetzt, in deinem dritten Jahr nicht nur zum Schwarm- sondern gleich direkt zum Geschwaderführer aufzusteigen. Du wolltest schon vor Jahren hoch hinaus und schaffst das heute nicht nur auf dem Rücken deines Drachen. Der Posten des Geschwaderführers ist für dich nur eine weitere Etappe, ein weiterer Schritt auf dem Weg in die richtige Richtung – für dich, für dein Leben. Und vielleicht auch für die Anerkennung deines Vaters. Etwas, von dem du mittlerweile längst weißt, dass der Wunsch danach dir in den vergangenen Jahren oft genug das Leben gerettet hat, davon aber nicht abhängig ist.

Reiterin
35 Jahre alt
i. "Ich bin Tal –" Die Hand bereits ausgestreckt, stockt deine zarte Stimme. Gerade noch rechtzeitig fällt dir ein, dass es vielleicht keine so gute Idee wäre, dich mit deinem richtigen Namen vorzustellen. AlsTalyn oder, mögen die Götter bewahren, gar als Talyn Vaelric, wo doch dieser Name allein schon ausreichen würde, um deine gesamte Identität zu offenbaren. Die Tochter des Herzogs. Ein Mädchen, das sich ganz sicher nicht allein hier herumtreiben sollte. Nicht mit gerade einmal elf Jahren. "-yx." Talyx. Einen Preis für Kreativität wirst du damit wahrscheinlich nicht gewinnen, doch brauchst du den auch nicht. Reicht, wenn der Junge dir gegenüber dir glaubt, dir keine weiteren Fragen stellt. Deine Augen strahlen ihn an, als du seine Hand schüttelst. Hast ihn gerade erst kennengelernt, beobachtet, wie er jemanden auf dem Markt, auf den auch du heute mitgenommen wurdest, bestehlen wollte – und ehe du es dich selbst versehen hast, bist du ihm nachgerannt. Um ihm zu erklären, dass das, was er da getan hat, falsch war. Ihn dazu zu bringen, das Diebesgut zurück zu geben, bevor er wirklich Ärger bekäme. Wolltest ihn dazu bringen, das Richtige zu tun und vergisst es doch, kaum dass er in einer Gasse zum stehen kommt und deine Freude, dein Stolz darüber, mit ihm mitgehalten zu haben, alles andere überwiegt. Was du in diesem Moment noch nicht ahnst: ist der Beginn einer Freundschaft, die ewig halten soll. Eine Freundschaft, die dein Leben verändern, es in andere Bahnen lenken wird. Und der Moment, in dem wegen einer Sekunde des Stockens Iks geboren wird.

ii. Dein Blick wandert aus dem Fenster, beobachtet lieber den Vogel auf der anderen Seite, als den Lehrer, der gerade versucht, seinen Job zu erledigen. Unterricht. Privatunterricht, weil deine Eltern es sich leisten können und für ihren Nachwuchs natürlich nur die bestmögliche Bildung wollen. Während deine Brüder lernen, wie man kämpft, lernst du etwas über heilende Pflanzen, über Kräuter und verschiedenste Tees. Die beste Vorbereitung für deine Zukunft, wie sie dir immer wieder sagen – sie wollen immer nur das Beste für dich, aber fragen niemals, was du eigentlich willst. Sonst wüssten sie, dass es nicht das hier wäre. Dass du nicht hier sitzen und einem alten Mann lauschen willst, während draußen die Sonne scheint und er dort ist. Irgendwo, vielleicht sogar auf dich wartend. Hoffst, dass er's tut, damit du nicht die einzige bist, die innerlich immer wieder eigentlich nur wartet. Mittlerweile weiß er, wer du wirklich bist, aber geändert hat's in den letzten Jahren nichts. Du schleichst dich aus dem Anwesen deiner Familie, das sich so oft wie ein goldener Käfig anfühlt. Triffst dich mit ihm und seiner eurer Gruppe, mit den Straßenkindern aus Calldyr Stadt. Mit deinen Freunden, für die du mehr bist, als die Tochter des Herzogs, irgendein adeliges Prinzesschen – und das, obwohl eure Leben doch unterschiedlicher nicht sein könnten.

iii. Du weißt genau, was du tun musst. Weißt, dass es der Heilerquadrant ist, der heute auf dich wartet. Dass dies ein weiterer Schritt in die Zukunft ist, die andere für dich geplant haben. Vorbereitet haben. Du weißt, dass das alles deine Pflicht ist und doch stehst du nun hier: in einer ganz anderen Schlange, vor einem ganz anderen Quadranten. Umgeben von Gleichaltrigen, denen ganz bestimmt nicht der Sinn danach steht, sich in den nächsten Jahren um die Verletzten des Basgiath War Colleges zu kümmern. Sie sind die, die für Verletzungen sorgen werden. Vielleicht auch die, die sie erleiden werden. Du überquerst den Viadukt vorsichtig, langsam, den Blick immer nach vorn gerichtet, weil auf der anderen Seite dein Ziel ist. Der Reiterquadrant. Ganz viel Abstand zu den Verpflichtungen deiner Familie. Und er, natürlich. War immer schon er, zu dem es dich gezogen hat, das ganze letzte Jahr und auch in denen davor. Du weißt, dass die Ausbildung alles andere als ein Klacks wird, bist vielleicht keine so ausgebildete Kämpferin wie deine Brüder, aber gänzlich unvorbereitet bist du trotzdem nicht – und du scheust auch nicht davor zurück, zusätzliche Trainingseinheiten einzulegen, deine Freizeit deinem Überleben zu widmen. Deiner Zukunft und deiner Sicherheit, der des Landes natürlich auch. Würde man dich heute fragen: das hier ist es, was du willst.

iv. Deine Arme sind ausgestreckt, dein Haar weht im Wind. Du brauchst die Stimme in deinem Kopf nicht, um dich daran zu erinnern, dich gleich wieder festzuhalten, aber du möchtest sie auch nicht mehr missen. Nie mehr. Rhaega und du, ihr seid ein Team, unzertrennlich, seitdem sie dich beim Dreschen an sich gebunden hat. Kannst es manchmal noch gar nicht glauben, wie lang das mittlerweile her ist. Jahre eigentlich, doch gefühlt sind es manchmal trotzdem erst ein paar Tage – oder bereits Jahrzehnte. Auf seinem Rücken fühlst du dich frei, bist eine Reiterin und nicht 'nur' die Schwester des Herzogs von Calldyr. Deine Pflichten und Verantwortungen gehen über jener deiner Familie hinaus, dein Dasein als Reiterin ist auch heute noch nicht das, was sie gern für dich hätten. War schließlich alles bereits geplant, selbst eine Verlobung gab es bereits; die Hochzeit hat jedoch nie stattgefunden, wurde gestrichen, als klar wurde, dass du in so mancher Augen falsch abgebogen bist. Und du müsstest lügen, würdest du behaupten, dass du deswegen traurig gewesen wärst. Das Leben, das andere für dich geplant haben, war nie das, was du für dich wolltest. Das Leben, das du heute lebst, ist vielleicht nicht ganz das, wie du es dir einst selbst vorgestellt hast, doch würdest du es auch nicht mehr eintauschen wollen.

Powered by MyBB, © 2002-2025 MyBB Group [ Design anpassen ]
based on "the empyrean"-series by Rebecca Yarros