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Als Erstgeborene schien dein Weg schon immer mit besonderen Hindernissen gepflastert zu sein. Anfangs war es die pure Enttäuschung deiner Mutter, die sich so sehnlichst einen männlichen Nachkommen gewünscht hatte — so sehr, dass sie in Tränen ausbrach, als deine Haare zu wachsen begannen und sie darauf bestand, sie kurz zu halten. Danach waren es die schier grenzenlosen Erwartungen deines Vaters, die dich fortan auf Trab hielten. Als Kind hast du dir stets gewünscht, genug zu sein. Stark genug. Schnell genug. Ausdauernd genug. Gut genug.
Du wurdest früh an das Training herangeführt, das dich auf deine Ausbildung am Basgiath War College vorbereiten sollte. Immerhin hattest du große Fußstapfen zu füllen. Sowohl dein Vater als auch deine Mutter waren angesehene Drachenreiter, hatten sich einen Namen gemacht, der nicht nur mit Ehre, sondern auch mit Blut getränkt war. Ein Vermächtnis, das es fortzuführen galt. Dein Weg war dir von Anfang an vorherbestimmt: Du würdest dem Reiterquadranten beitreten, die anspruchsvolle und nicht selten tödliche Ausbildung absolvieren, nur um dich am Ende als eine von vielen auf dem jahrhundertealten Schlachtfeld eines Krieges wiederzufinden, in dem du früher oder später sterben würdest. Keine vielversprechende Aussicht, doch dein Training hast du stets ernst genommen. Weniger als einhundert Prozent zu geben, war Grund genug für Bestrafungen.
Du bist das Produkt deines Vaters. Sein Stolz auf dich fußt allein auf Errungenschaften, die er sich selbst zuschreibt. Er ist stolz auf das, was er aus dir gemacht hat. Jede Narbe an deinem Körper erinnert an seine harte, disziplinarische Erziehung, die ihresgleichen sucht. Mehr als einmal hat er dir die Knochen gebrochen, dir mittels Gewalt verständlich gemacht, dass es in dieser Welt keinen Platz für Drückeberger gibt. Standfestigkeit, das ist es, was von dir erwartet wird. Und genau das ist es, was du lieferst. Du knickst nicht ein, du gibst nicht nach. Selbst dann nicht, wenn die Schmerzen dich in die Knie zwingen und du nichts sehnlicher tun würdest, als zu schreien. Vermutlich ist es allein deinem Training zu verdanken, dass du Basgiath mehr oder weniger unbeschadet überstanden hast. Doch gegen das, was dich nach deiner Ausbildung erwarten sollte, konnte dich nicht einmal dein Vater wappnen.
Nur ein Jahr, nachdem du deine Ausbildung abgeschlossen hast, wirst du vollkommen grundlos mit der tyrrischen Rebellion in Verbindung gebracht. Man beschuldigt dich, Informationen zu besitzen, Dinge zu wissen, von denen du nicht die geringste Ahnung hast. Du kannst dir selbst nicht erklären, wer solche Fehlinformationen über dich in Umlauf gebracht hat, doch schneller, als du es begreifen kannst, siehst du dich mit den Konsequenzen konfrontiert. Wochenlange Folter soll dich zum Reden zwingen. Siegelkräfte, die Schmerzen und Wahnsinn heraufbeschwören, gehen an dir nicht spurlos vorüber. Spätestens an diesem Punkt versagt dein jahrelanges Training. Dein Körper hält ein gewisses Maß an Schmerzen aus, doch deine Psyche ist ein wunder Punkt. Schon vor deiner Zeit in Basgiath hast du unter der unbarmherzigen Erziehung deiner Eltern gelitten, bist mit fortschreitendem Alter immer näher an die Grenze eines labilen Zustands balanciert, doch nun stößt man dich mit Gewalt direkt in den Abgrund. Chaos frisst sich durch deinen Geist, verwischt die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Wahnsinn. Als man endlich einsieht, dass du keine Verbindung zu den Anführern der Rebellion hast, wirst du entlassen. Doch die Frau, die sich nach wie vor artig den Befehlen ihrer Vorgesetzten beugt — immerhin ist es das, wofür du atmest — ist nun eine andere. Die Schmerzen sind das eine. Der Wahnsinn das andere.
Du wirst zur lebendigen Verkörperung von Chaos und innerem Zerfall — eine gequälte Seele, gefangen in einem Körper, der nie zur Ruhe kommt. Du pendelst unentwegt zwischen manischer Euphorie und abgrundtiefer Verzweiflung, mit einem Fuß in der Realität, mit dem anderen im Wahnsinn, der dich besonders in ruhigen Augenblicken verschlingt. Dein Geist ist ein Schlachtfeld, zerrissen zwischen Sehnsucht nach Zugehörigkeit und der unentrinnbaren Gewissheit, dass dir genau das niemals vergönnt sein wird. Denn du bist inzwischen nicht nur eine Gefahr für dich selbst, sondern auch für andere. Nach außen hin verkörperst du pure Energie, die fast schon mit Hyperaktivität gleichzusetzen ist. Doch es ist keine bloße Lebensfreude, die aus dir spricht. Es ist ein fieberhafter Zwang, dich selbst zu betäuben, den Lärm in deinem Kopf mit noch größerem Lärm zu übertönen. Werden die Gedanken zu laut, dann neigst du dazu, dich zu vergessen. Du lachst, wenn du weinen solltest. Schnappst zu, wenn du umarmen willst. Zerstörst, wenn du helfen möchtest. Deine impulsiven Handlungen sind oft ein verzweifelter Versuch, die Kontrolle zu behalten. Eine Kontrolle, die dir immer wieder entgleitet. Doch ganz egal, wie laut du auch wirst: Die Stimmen in deinem Kopf verstummen nie ganz.
Depressionen sind ein treuer Begleiter geworden, auch wenn du sie hinter exzentrischen Gesten und einem breiten, herausfordernden Grinsen versteckst. In stillen Momenten, die dank der tosenden Gedanken nie wirklich still sind, wächst der Selbsthass, die Verzweiflung — zitternde Finger, ein leerer Blick und ein Herz, das viel zu viel fühlt, ohne ein Ventil zu finden. Mit Gefühlen umzugehen, fiel dir schon immer schwer. Doch heutzutage ist es schwerer denn je. Die undurchdringlich scheinende Mauer aus Hass, Hohn, Spott und Verachtung ist nicht das Produkt bloßer Bosheit. Sie ist das Echo einer tiefsitzenden, niemals verheilenden Wunde. Und im Zentrum dieses inneren Chaos bist du nun zu Hause. Eine Bedrohung für andere und dein eigenes größtes Opfer.
"Amras kleine Schwester? Er hat nie erwähnt, dass er eine hat" Sätze wie diese sind es, die Vetresca seit ihrer Ankunft in Basgiath des Öfteren zu hören bekommt. Sätze die der jungen Kadettin einmal mehr vor Augen führen, wie wichtig es ist, endlich aufzustehen und für sich selbst zu kämpfen. Denn genau das ist es, was Vetresca mit ihrem Gang über das Viadukt bezweckt hat. Geboren in eine Familie, die im Inneren nicht ganz so strahlend ist wie sie es gern gehabt hätte, musste Vetresca schon in jungen Jahren mehr Rückschritte als Fortschritte machen. Zumindest wenn es um ihre eigene Entfaltung ging. Vernunft vor Mut, Rationalität vor Wunschvorstellungen waren an der Tagesordnung. Das Gefühl zu ersticken lastete trotz individueller Förderung ihrer gezeigten Begabungen schwer auf ihr und das Ventil um zumindest kurzweilig wieder zu Atem zu kommen, überließ sie viel zu schnell sich selbst und den gemeinsamen Eltern: Amras. Das ihr älterer Bruder und sie lediglich eine gemeinsame Mutter haben, spielt für Vetresca keinerlei Rolle, ist sie doch überzeugt davon, dass Familie so viel mehr bedeutet als gemeinsames Blut. Die aus dieser Situation resultierende und übermäßige Zuwendung ihrer Eltern sah Vetresca nie als Profit, sondern als eine Gefangenschaft. Auch der Umstand, dass ihre bloße Existenz für den Erhalt der familiären Bande verantwortlich sein soll, belastet die junge Kadettin überdiemaßen und erschwerte ihr im Alltag die Ansicht des Umganges ihrer Eltern miteinander zunehmend. Anders als ihr Vater, seines Zeichen Stallmeister, steht Vetresca voll und ganz hinter Amras, der im häuslichen Umfeld zwar nie mit den gleichen Möglichkeiten gesegnet war aber mit seinem Weggang von zu Hause das erreicht hat, wonach die Kadettin sich insgeheim sehnt: Freiheit. Der Entschluss ihres Vaters darüber, sie zu einer Schriftgelehrten ausbilden zu lassen war es schließlich, der das Fass zum Überlaufen brachte und Vetresca schließlich an den Rand des Viaduktes brachte. Mutig zu sein erfordert eine Stärke, von der Vetresca noch nicht weiß, ob sie sie besitzt. Immerhin kennt die Kadettin lediglich das Gefühl behütet- und auch klein geredet zu werden. Das ihre Entscheidung ihr den Tod bringen könnte, nimmt Vetresca liebend gern in Kauf dafür, dass sie so vielleicht zumindest zeitweilig die süßen Vorzüge ihres eigenen Willens genießen darf.Bis jetzt hat die junge Reiterin aus Aretia auch keinerlei Anlass gefunden, um ihre Entscheidung zu bereuen. Zwar kam sie das eine oder andere Mal bereits an eine körperliche Schmerzgrenze, was der bis dato fehlenden physischen Kraft und ihrem doch recht zierlichen Körper geschuldet ist, verbucht diese Erfahrungen aber dennoch als wertvoll. Was Vetresca an Kraft fehlt, gleicht sie dafür mit ihren enormen geistigen Fähigkeiten aus. Für ihr Alter nämlich scheint die Kadettin überdurchschnittlich intelligent zu sein und verfügt über ein Gedankenkonstrukt aus Rastern, Mustern und strategischer Kriegsführung, die seinesgleichen sucht. Entsprechend viele Entfaltungsmöglichkeiten stehen der Aretianerin in Basgiath zur Verfügung, von denen sie gewillt ist möglichst alle auszuprobieren. In welcher Funktion sie das College nach dem dritten Jahr abschließen möchte, hat Vetresca sich hingegen noch nicht überlegt und lässt viel mehr auf sich zukommen, was das Leben hier für sie bereithält.